stachelschriften
Gastpublikation
Hein Michel
Wilhelm Jacob
- 19
Der Urlaub ist gerettet

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Als Luise aufwachte, saß Hein bereits auf der Terrasse. Sie sah ihn dort ein Rillo rauchen. neben ihm stand ein Unbekannter Herr mit Schirmmütze und beugte sich über den Tisch. Hein hatte dem Fenster den Rücken zugewandt. So konnte Luise ihm ein wenig über die Schulter blicken. Da stand ein Bildschirm. Der Fremde deutete ab und an auf verschiedene Bereiche des Rechners und schien immer wieder etwas zu tippen.
Den eigentlichen Platz vor dem Gerät hatte aber Hein eingenommen. Luise verhielt sich leise und blieb bewußt auf Distanz zum Fenster. Sie wollte so direkt nach dem Aufstehen noch nicht bemerkt werden.


Eine gute halbe Stunde später, Luise hatte schon Kaffee bereitet, saß Hein immer noch an diesem Laptop. Der Unbekannte war nicht mehr zu sehen. Sie ging hinaus, um zu sehen, was ihr Hein da so trieb. Begeistert zeigte er Luise, wie schnell und einfach er Wetterdaten und Fußballergebnisse abrufen konnte. Fast schon routiniert wechselte er zwischen verschiedenen Seiten, dazwischen tippte er ein paar Tasten, wischte mit dem Zeigefinger über ein Feld unterhalb der Buchstaben, und sein enthusiastischer Monolog wollte nicht enden. Luise sah nichts. Auf der nahezu grauen Scheibe spiegelte sich nur der dunkle Tisch. Besser wurde das indes, als sie sich setzte und Hein den Laptop ein Stück weit in ihre Richtung drehte.


Allzu viel wollte er nicht an den aufgerufenen Seiten experimentieren, denn der Herr, dem das Gerät gehörte, wollte erst in etwa zehn Minuten wiederkommen. In dieser Zeit wollte Hein nichts riskieren. Der Herr hatte ihm versichert, daß nichts schlimmes passieren könne, aber Hein hatte noch zu viel Respekt vor der neuen Technik, auch wenn er das niemals zugegeben hätte.
Während die Zwei gebannt die Wetterlage über Bayern studierten, war der unbekannte Herr zurückgekommen. Luise bot ihm an, für ihn einen Kaffee mitzukochen, was er gerne annahm. Wenig später saßen die Drei am Terrassentisch und an jedem Platz dampfte ein Kaffee. Luise hatte dieses Mal die kleineren Tassen genommen, sie hatte sich recht schnell mit den Eigenarten dieses ungewohnten Automaten arrangiert.


Der Fremde stellte sich als "Dschosef" vor und erklärte sogleich, daß die Schreibweise "Youssef" sei, bot aber gerne an, ihn Josef oder Jupp zu nennen.
Als Jugendlicher sei er mit seinen Eltern in den späten 1970er Jahren aus Ägypten nach Frankfurt gekommen, und er wohne jetzt in einem kleinen Dorf in der südlichen Eifel. Mit den hiesigen Vermietern seien er und seine Frau schon viele Jahre befreundet, so erzählte er weiter, und so dürften sie mit ihrem Wohnmobil stets hinter dem Haus auf die Wiese campieren.
Josef bot den Beiden an, ihn jederzeit nach dem Rechner fragen zu dürfen, aber nun wolle er zurück zu seinem Stellplatz. Dort habe seine Frau das Essen gerichtet, und er wolle auf jeden Fall pünktlich sein. Ausgenommen höflich verabschiedete er sich, nicht ohne einen Dank für den Kaffee, und er bemerkte noch, während er seinen Laptop nahm, daß man sich bestimmt das eine oder andere Mal wiedersehen werde.

Hein und Luise hatten für den Mittag nur eine Brotzeit vorgesehen, wollten aber noch für die nächsten Tage einige Fertiggerichte besorgen, um unabhängiger von der Gastronomie zu sein. Diese schien hier aus einem einzigen Lokal zu bestehen, sah man von der gemütlichen Bauernstube einmal ab. Die war aber nicht durchgehend geöffnet. Die nächsten Kreisstädte waren beide fast fünfzig Kilometer entfernt, das war ihnen definitiv zu weit, doch in einer Nachbargemeinde fand sich ein kleinerer Supermarkt. Das war kein Discounter, aber ein wirklicher Großeinkauf war ohnehin nicht vorgesehen.
Ein wenig Saucenpulver, ein paar Nudeln und einige Würstchen zum Einfrieren - das mußte genügen. Im Vorbeigehen griff sich Hein noch schnell ein paar Bierdosen und für Luise eine Limo. Portionsmilch hatten sie bereits im Küchenschrank entdeckt, somit mangelte es fortan an nichts.

In den Folgetagen machten die Beiden ab und an einen Spaziergang, richtiges Wandern ist etwas anderes. Einmal nahmen sie auch einige Brotreste für die Enten mit. Die Zwei fühlten sich wohl. Viel gab es hier nicht zu tun , und dieses Wenige war ihnen genug.
Bis zu ihrer Abreise hatten Hein und Luise den sympathischen Ägypter noch mehrere Male getroffen. Einen Abend lang saßen sich auch gemeinsam mit ihm und seiner Frau in der benachbarten Bauernstube. Luise und sie verstanden sich auf Anhieb bestens. Sie stammte aus Bosnien, ihre Eltern waren Kroaten. Kristina war in den1990er Jahren zu Verwandten nach Deutschland gekommen und hatte wenig später ihren Jupp geheiratet. In den Balkanländern war sie nie wieder gewesen. Über Gründe hierzu sprach sie nur in zurückhaltenden Andeutungen. Auch zu ihrer Familie, die damals dort geblieben war, hatte sie keinen Kontakt mehr gefunden.

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Während sie erzählte, war Luise aufgefallen, wie sie immer wieder das filigran verzierte Silberkreuz an ihrer Halskette umfaßte. Es schien ihr viel zu bedeuten.
Hein führte während dessen mit Josef Fachgespräche über Browser und Betriebssysteme, über Speichermedien und Ladezeiten sowie vieles mehr. Mit höchster Aufmerksamkeit, und manchmal auch mit Ansätzen von Ehrfurcht, lauschte er, während Josef referierte. Dieser wußte anscheinend auf jede technische Frage eine Antwort zu geben, und Hein hatte derer viele.

Als Hein und Luise ihre Heimfahrt antraten war das Wetter etwas trüb. Obwohl es noch früher Vormittag war, zeigten sie etwas Eile. Zügig verabschiedeten sie sich noch von ihrer Vermieterin und stellten ein Wiedersehen in Aussicht. Das nette Ehepaar mit dem Wohnmobil war leider schon zu einem Ausflug aufgebrochen, aber Luise hatte mit Kristina Adressen getauscht, der Kontakt war also sicher nicht verloren.





Noch vor den Abendnachrichten waren Hein und Luise wieder zu Hause. Der Kombi stand in der Garage, Hein hatte das letzte Gepäckstück hereingebracht, Luise leerte die Koffer und sortierte Wäsche. Wenig später saßen die Beiden entspannt am TV und knabberten gemeinsam eine Tüte Chips.


Morgen schon wollten sie ihre Tochter Nicole bitten, für sie einen DSL-Anschluß einzurichten. Die kleine Leselampe, die schon seit Jahren auf dem Beistelltisch neben dem Sofa ihren festen Platz hatte, sollte noch heute Abend weichen. Dort sollte fortan der neue Laptop stehen.

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