stachelschriften
Gastpublikation
Hein Michel
Wilhelm Jacob
- 18
Ländliche Ruhe

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So spät waren Hein und Luise schon lange nicht mehr aufgestanden. Am Vorabend waren sie zwar später als sonst üblich zu Bett gegangen, aber sie hatten nicht erwartet, daß sie ihren Wecker gebraucht hätten, um einigermaßen rechtzeitig wach zu werden. Erst gegen 14 Uhr waren sie abreisebereit. Hein war es peinlich, daß sie erst jetzt das Ferienappartement räumen konnten. Er wollte die Freundlichkeit der Vermieter keineswegs überbeanspruchen.
Er ging also hinüber zu deren Hauseingang und klingelte. Er entschuldigte sich zaghaft für die unbeabsichtigte Verspätung. Zu seiner Verwunderung schien das Malheur die Vermieterin in keiner Weise zu beunruhigen. Sie fragte gar ein wenig besorgt, ob Hein und Luise denn schon gefrühstückt hätten.


Als Hein ihr sagte, daß sie dazu keine Zeit mehr gefunden hatten, bot sie an, vor ihrer Weiterreise doch wenigstens noch eine Tasse Kaffee zu trinken. Ein Automat stünde in der Küchennische der Wohnung bereit, und einige Pulver-Pads befänden sich in der Klappe darüber beim Geschirr. Da es ihr anscheinend wirklich nichts ausmachte, wenn das Appartement erst später frei würde, ließ er sich das nicht zweimal sagen. Er nahm dieses Angebot gerne an, bedankte sich und ging zurück zu Luise.

Während sie gemütlich auf der Terrasse saßen und gemeinsam einen üppigen Pott Kaffee genossen, in Unkenntnis der Maschine war dieser etwas dünn geraten, erinnerte Luise daran, daß sie noch gut sechs Tage Urlaub hatten. Den implizierten Hinweis verstand Hein sofort. Angesichts der ruhigen Lage des Hauses und vielleicht auch wegen des gemütlichen Gastraumes in unmittelbarer Nachbarschaft, fiel es Hein nicht schwer, diesem unausgesprochenen Gedanken etwas abzugewinnen.

Schnellstmöglich wollte er klären, ob ein Verbleib für eine weitere Nacht möglich sei. Die Vermieterin war offen erfreut über die unerwartete Verlängerung des Aufenthalts. Wie sie erklärte, erwartete sie in den kommenden Tagen ohnehin keine anderen Gäste.

Luise hatte die Reisetasche zwar bereits an die Terrasse gestellt, aber das Auspacken sollte nur eine Frage weniger Minuten sein. Auch holten die Beiden nun weiteres Gepäck aus dem Wagen. Es hatte den Anschein, als wollten sie es bei einem einzigen Verlängerungstag nicht belassen.
So hatten sie sich ihren Urlaubsort vorgestellt, und so brauchte es nicht verwundern, daß auch die Wanderschuhe sogleich ihren Platz unter der Garderobe am Ausgang fanden.

Wegen der weit fortgeschrittenen Stunde durfte das folgende Frühstück gerne etwas deftiger ausfallen. Über Tag gab es in der Wirtsstube des Nachbarn nur Kleinigkeiten, aber einen Blick war es vielleicht wert. Luise entdeckte an der Kreidetafel neben der Verkaufstheke den Hinweis auf einen sogenannten Dotsch mit selbstgemachtem Apfelmus. Egal, was dieser Dotsch nun sein sollte, es klang vielversprechend, und sie wollte das einfach mal probieren.
Nach dem ersten zaghaften Geschmackstest befand sie die als Erpflspeise beschriebene regionale Spezialität als durchaus veritabel gelungene Art von Kartoffelpuffern. Dazu paßte auch hervorragend ein Kaffee, diesmal in angemessener Trinkstärke, wie immer mit Milch und Zucker. Hein gab Geräuchertem mit Bauernbrot den Vorzug.

Noch ein vorgeschnittenes Brot, etwas von dem Käse, den Luise schon tags zuvor entdeckt hatte, ein wenig Räucherwurst und ein paar weitere Lebensmittel fanden den Weg in die große Papiertüte. Dann gingen Beide zurück zum Appartement. So durfte der Teil Zwei des "Urlaubs mit Hindernissen" gerne weitergehen.

Sie genossen die Ruhe und blickten zurück auf einige bewegte Tage. Sie hatten in dieser kurzen Zeit viel erlebt, auch viel Neues erfahren. Sie dachten an die netten Stuttgarter, die nun vermutlich zu Hause waren und ihren Urlaub ersatzlos abgebrochen hatten. Sie waren froh, selbst so flexibel und konsequent zugleich mit der Situation bei Passau umgegangen zu sein. Dennoch empfanden sie Empathie und Bedauern für diese junge Familie.

Für Hein und Luise war ihre eigene Lage dagegen bestens. Fast vergessen waren die Unannehmlichkeiten zu Beginn ihres Urlaubs, und sie mochten eigentlich gar nicht mehr daran denken. So beschaulich, wie ihr neuer Ferienort war, schienen sie hier das Elysium gefunden zu haben. Doch eine eigenartige Gärung hatte in ihren Wahrnehmungen eigesetzt. Sie hatten das Gefühl, schärfere Beobachter geworden zu sein.

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