stachelschriften
Gastpublikation
Hein Michel
Wilhelm Jacob
- 17
Krach und Ärger

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Die Nacht war wieder ein Elend gewesen. An Schlaf war kaum zu denken. Das ständige Gepolter, das aufdringlich leiernde Gedudel aus dem Nebenbau der Pension und das unaufhörliche Gejohle, welches durch die Wände drang - das Alles war Hein unerträglich geworden.
Bereits um sieben Uhr morgens stand er an der Rezeption und beschwerte sich, gänzlich ohne seine gewohnte Zurückhaltung, bei der Geschäftsleitung. Auch in der Wahl seiner Worte war er sehr deutlich geworden, nachdem die Dame des Hauses einen Ansatz von Unverständnis zeigen wollte.


Nach einigen weiteren, großenteils unschönen Verbalinjurien von beiden Seiten, bot Hein an, er werde das Haus verlassen. Die Inhaberin der Pension blieb von dieser Ankündigung seltsam ungerührt, hatte sie doch die volle Summe für zehn Übernachtungen bereits vor Tagen vollumfänglich erhalten. Die provokante Ruhe, mit der die Chefin Heins Beschwerden zu übergehen schien, ließ ihn innerlich kochen. Beherrscht, wie er aber nun mal war, wollte er die Situation aber zunächst nochmals mit Luise besprechen. Vielleicht, so dachte er, fände sich gemeinsam mit ihr ein Weg zur Deeskalation. Ihm selbst war momentan nicht mehr nach Kompromissen.


Zurück auf dem Zimmer, zog es ihn unmittelbar auf den Balkon. Er brauchte dringend ein Rillo. Luise legte sich rasch den Morgenmantel über und hängte sich die Fleecedecke um. Draußen erklärte Hein ihr die Lage und berichtete von seinem unangenehmen Gespräch an der Rezeption. Sie schien bemüht, nach beruhigenden Worten zu suchen, während die Beiden über die sichtlich vermüllte Grünanlage und den Parkplatz blickten.
Dort unten waren gerade die vier Stuttgarter in ihren Van gestiegen. Der freundliche, etwas flapsige Familienhund schaute hechelnd durch die Heckscheibe. Zwischen ihm und den Fondsitzen stapelten sich die Koffer hinter dem Gepäcknetz bis unter das Dach des Fahrzeugs, während dieses langsam in Richtung der Hauptstraße das Gelände verließ.


An diesem Tag frühstückten die Beiden auswärts. Es war Luises Vorschlag gewesen, im Dorf nach einem Café oder einer Bäckerei zu suchen, um dort den Tag zu beginnen. Hein hatte sich tatsächlich etwas beruhigt. Luises Idee war also wieder einmal gut. Hier konnten Beide in Ruhe entscheiden, wie sie ihren Urlaub weiterführen wollten. Das Café war gemütlich. Es war mollig warm, die Dame an der Theke hatte Semmeln und Konfitüre bereitgestellt, der Kaffee dampfte frisch gebrüht vor sich hin. Hein rührte in okkult anmutender Gleichmäßigkeit und nahezu geräuschfrei in seiner Tasse. Das war für Luise ein klares Zeichen, daß Hein sich ausreichend entspannt hatte, und er sich nun der Problemlösung zuwandte.
Noch während des Frühstücks kamen sie überein, die Pension unvermittelt zu verlassen. Die Rückfahrt nach Hause wollten sie nun in zwei Etappen aufteilen, und die Zwischenübernachtung sollte irgendwo auf halber Strecke eingeplant werden.

Noch vor der Mittagszeit hatten Hein und Luise ihre Unterkunft geräumt und verlassen, Abreisetag und Uhrzeit waren auf der Hotelrechnung bestätigt, und nun waren sie unterwegs in Richtung Heimat. Sie erinnerten sich an das Dörfchen nahe der A3, in dem sie bei ihrer Anreise zufällig den idyllischen Picknickplatz gefunden hatten. Sollten sie diesen sympathischen Ort wiederfinden, wollten sie dort die erste Pause einlegen. Luise versuchte, in ihrem Reiseatlas herauszufinden, wie das Dorf geheißen haben könnte. Die Gemeinde war jedoch vermutlich zu klein, um in der Karte benannt zu werden.


Sie hatten aber noch ausreichend Zeit, sich eventuell an Details zu erinnern. Erst einmal mußte Hein tanken. Während er vom Auto zur Kasse ging, kam Luise die geradezu geniale Idee, die Geodaten der Fotos abzurufen, die Hein an genau diesem Platz von den netten Stockenten am Bach gemacht hatte. Als Hein wiederkam fiel ihm sofort Luises leicht triumphierende Mimik auf, während sie ihn verschmitzt lächelnd ansah. Auf sein neugieriges wie kurzes "was is?" entgegnete sie ein ebenso knappes "ich hab's". Sie löste das Rätsel um diesen Kurzdialog schnellstens und freudestrahlend auf, indem sie ihm in geradezu wissenschaftlich klingender Weise deutlich akzentuierte Koordinaten benannte. Als Hein immer noch leicht fragend schaute, gab sie preis, daß es sich dabei um Längen- und Breitengrade aus den Geodaten seiner Digitalkamera handele, und daß genau dort ein Entenpärchen auf Futter wartete.


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Dieser Coup war gelungen. Mit bester Laune und einem leichten Anflug verdienten Stolzes setzten die Beiden ihre Fahrt fort und kamen am frühen Nachmittag exakt an jenem Parkplatz an. Die Enten ließen nicht lange auf sich warten, doch für Picknick war jetzt keine Zeit. Zuerst mußte ein Quartier gefunden werden. Welche Angebote es hier gab, wußten sie nicht. Worauf sie dabei zu achten hatten, wußten sie hingegen sehr genau.


Das wenig einladende Hotel in der Hauptstraße hatte nach dem äußeren Erscheinen schon bessere Zeiten gesehen, war aber wohl das einzige am Platze. Es lag in der Dorfmitte, genau gegenüber der Kirche, und wäre alleine dadurch schon nicht in Frage gekommen. Da hatten Hein und Luise schon ihre Erfahrungen, und noch eine weitere schlaflose Nacht war nicht in ihrem Sinne.





Sie entschieden sich für eine Ferienwohnung mit separatem Eingang, eine Zufallsentdeckung etwas außerhalb des Ortsrandes. Die Vermieter waren so entgegenkommend, ihnen diese auch für eine Einzelnacht zu überlassen. Das war ungewöhnlich, und Hein bedankte sich für diese Freundlichkeit mit der Aufrundung des Übernachtungspreises, den er gleich entrichtete.


Die bescheidene Gaststube des Bauernhofes nebenan erwies sich als ein überschaubares Biolädchen mit nur wenigen, aber eigenen Produkten der Gemeinschaft umliegender Höfe. Als Luise ihr Interesse an einer ganz bestimmten Käsesorte bekundete, kamen die Zwei mit den Hofbetreibern ins Plaudern. Sie erkundigten sich nach der gastronomischen Situation und erfuhren, daß eben dieser Laden in einem Nebenraum täglich ab 18 Uhr ein Tagesessen anbot - aktuell Regensburger Brühwürste mit eigenem Meerrettich und Hausmacher Kartoffelsalat oder wahlweise Oberpfälzer Schupfnudeln. Der Abend war gerettet. Wie es schien, hatte sich der Quartierwechsel gelohnt.



Kurz nach 18 Uhr hatten Hein und Luise das wenige benötigte Gepäck in ihr Appartement gebracht und waren bereit zu kulinarischen Freuden. Zu ihrer Überraschung waren fast alle Plätze in der engen Bauernstube belegt. Ihr Tisch war dennoch freigehalten worden. Es war warm, durch das murmelnde Grundgeräusch drang immer mal wieder ein fröhlich geselliges Lachen. Die einen Gäste aßen, während andere an einem runden massiven Holztisch in der Fensternische rauchten und ihr Bier aus dickwandigen Henkelkrügen tranken. Auch standen zahlreiche Stamperl zwischen den großen Gläsern.


In einer so ur-gemütlichen und dichten Kneipenatmosphäre war Hein schon lange nicht mehr gewesen, Luise ohnehin eher noch nie. Schnell wurde aber auch sie von diesem urtümlichen Charme bodenständiger Gesellschaftskultur erfaßt. In gelöster Heiterkeit verbrachten die Beiden einen langen Abend, und sie waren um einige Dinge ganz froh. Sie hatten einen Appartement-Schlüssel, der Weg zurück war nicht weit, das Auto stand drüben am Haus, und Hein durfte rauchen.
Zurück in ihrer Wohnung reflektierten sie den Abend, während sie den Beginn des Tages gerne verdrängten. Schon wenig später siegte der Schlaf.

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