stachelschriften
Gastpublikation
Hein Michel
Wilhelm Jacob
- 15
Der Rechner

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Hein und Luise hatten sich in der vergangenen Nacht noch lange unterhalten. Das abendliche Gespräch mit dem jungen Paar, welches sie kennengelernt hatten, gab ihnen zu denken. Unwillkürlich stellten sie sich ihre eigene Familie in einer vergleichbaren Situation vor.
Nach der Überlegung "was wäre, wenn" zeigte sich ihnen eine geradezu unfaßbare Vision. Ihre Kinder waren ungefähr die Jahrgänge dieses Ehepaares, ihre Enkel nicht weit vom Alter derer Kinder entfernt. Sie mochten sich nicht vorstellen, daß ihre Enkelkinder in solche Situationen geraten könnten. An Stelle dieser Urlauberfamilie wären sie sicherlich sofort abgereist. Luise konnte gar nicht verstehen, daß diese Eltern immer noch hier waren. Ihre Sympathie für die Beiden begann schon erste Risse zu bekommen, als Hein der Gedanke kam, er könne doch beim Frühstück nochmals diskret nachfragen, wie die Familie mit dieser Ausnahmelage umginge. Luise sah das als eine gute Idee.

Und so suchte Hein am folgenden Morgen die Gelegenheit, den jungen Mann unter vier Augen nochmals auf das heikle Thema anzusprechen. Wie zufällig standen beide auf der Raucherterrasse, als Hein ohne lange Umschweife zur Sache kam. Er war nicht wenig erstaunt, als der Familienvater in sehr gelassener Weise über die Normalität des Alltags auf Stuttgarts Straßen sprach. Von dort kam die Familie, und dort schienen Begegnungen dieser Art geradezu alltäglich zu sein, so unaufgeregt der Junge Mann über die dortigen Verhältnisse berichtete.


Hein gestand, daß ihm diese Probleme keineswegs geläufig gewesen seinen, und daß Luise und Er seitens ihrer Kinder oder Enkel noch nie von solchen Vorkommnissen erfahren habe. Für die daraufhin folgende, etwas flapsige Bemerkung des jungen Mannes bezüglich der allgemeinen Landbevölkerung, hörte Hein hinweg. Ihn interessierte viel mehr, warum er davon noch nie konkret gehört hatte.
Im weiteren Verlauf des Gespräches wurde sich Hein ganz allmählich seiner Distanz zu vielen der möglichen Informationsquellen bewußt. Die moderne Medienwelt war wohl, von ihm weitgehend unbemerkt, ein gutes Stück weit an ihm vorbeigezogen. Sein überwiegend öffentlich-rechtlich geformtes Weltbild begann ein wenig zu wanken. Konnte es denn sein, daß er schon begonnen hatte, den Anschluß an die Neuzeit zu verpassen?
Er hatte in den wenigen Gesprächsminuten hilfreiche Anregungen erhalten. Über die galt es nun erst einmal nachzudenken.


Ein wenig väterlich mutete es an, als Hein dem jungen Mann für einen Moment freundlich die Hand auf die Schulter legte und sich spürbar herzlich bei ihm bedankte als sie gemeinsam in den Frühstücksraum zurückkehrten.
Hein und Luise saßen noch am Tisch, als die kleine Familie schon lange gegangen waren. Sie sprachen über Internet, Rechner, alternative Medien und vieles mehr, worüber der junge Mann referiert hatte. Es fielen Vokabeln wie freie Presse und Informationsfreiheit. Ganz leise hörte man sogar irgend etwas von Gleichschaltung oder ähnlichem. Hein war mit all dem klar überfordert.
Am meisten verwunderte ihn die relative Gelassenheit, mit der dieser Mann ihm das alles erzählte. Er sprach in ruhigem Ton, und er erweckte nicht einmal den Anschein, er könne angesichts dieser Lage die Fassung verlieren. Vielleicht war das alles doch nicht so tragisch wie Hein dachte. Das beruhigte die Beiden dennoch keineswegs. Diese Themen sollten Hein und Luise noch lange beschäftigen.

Leicht verwirrt standen Beide auf dem Balkon ihres Pensionszimmers. Hein rauchte wieder einmal ein Rillo, Luise beobachtete unauffällig die Männer, welche sich in leicht flegelnder Weise an der kleinen Sitzgruppe in der Grünanlage neben dem Parkplatz niedergelassen hatten. Sie saßen auf der Banklehne, die Schuhe auf der Sitzfläche, einer lümmelte sich auf dem Tisch, ein weiterer hatte sich einen Plastikstuhl ins Blumenbeet gestellt. Aus einem Ghettoblaster jammerte befremdliche Musik und drang deutlich herüber.
Unablässig war stets irgendjemand laut vernehmlich am Telefonieren. Die Szenerie klang irgendwie nach Jahrmarkt oder Bazar. Luise mißfiel dieses Ambiente, und so schlug sie eine Tour entlang der Donau vor, mit dem Ziel eines zufällig zu findenden Gartenlokals, welches es dort doch sicher geben müsse. Hein fand den Gedanken sofort umsetzenswert.


Schon wenige Minuten später waren die Beiden unterwegs in Richtung der Vororte Passaus. Ohne ein konkretes Ziel vor Augen, fuhren sie entlang der Uferstraße, bis sie einen für die Region so typischen Biergarten an einem Landgasthof entdeckten.
Beide tranken ein Weißbier, was zumindest für Luise angesichts der frühen Uhrzeit ungewöhnlich war. Dazu gab es einige Brotstreifen und ein Schälchen Griebenschmalz mit einem zur Spirale geschnittenen Radi. Der Blick über die Donau war phantastisch.
Am Nebentisch steckten drei Jugendliche die Köpfe zusammen. Auf ihrem Tisch lag ein Tablet-PC, auf welchem sie abwechselnd umherfingerten. Sie schienen sich über irgend etwas bestens zu amüsieren. Ihre gute Laune hatte etwas ansteckendes. Entspannt und bemüht diskret beobachteten Hein und Luise die jungen Leute. Hin und wieder ergab sich auch beiläufig ein kurzer freundlicher Blickkontakt.


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Hein faßte sich Mut. Er sprach die jungen Herrn in respektvoller Höflichkeit auf den praktischen Kleincomputer an und gab ihnen sein technisches Interesse zu verstehen. Bereitwillig begann einer von ihnen, anscheinend der Besitzer des Gerätes, ihm einige Grundfunktionen näher zu bringen. Ein anderer winkte Luise freundlich auffordernd heran. Die nun folgenden wortreichen Erklärungen waren für Hein und Luise ebenso interessant wie unverständlich.


Aber der Junge war sichtlich bemüht, vielleicht hatte er seinen Eltern oder Großeltern schon einmal ähnliche Erläuterungen gegeben. Hein glaubte, das aus einem Nebensatz herausgehört zu haben.
Die Getränke der drei Herren gingen natürlich auf seine Rechnung, als die Beiden sich dankbar und freundlich verabschiedeten.
Technisch hatten Hein und Luise so gut wie nichts verstanden, aber eines hatten sie klar begriffen: So ein Ding mußte her!

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