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Gastpublikation
Hein Michel
Wilhelm Jacob
- 14
Der Ausflug

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Leicht verkatert, und das lag keineswegs am Bier des vorangegangenen Fernsehabends, saßen Hein und Luise im Gastraum. Es war kurz vor Ende der Frühstückszeit. Das Buffet schien nahezu unberührt.
Die Luft war gewohnt kühl, aber Luise hatte sich darauf vorbereitet und trug eine dickere Strickweste. In der Nische neben dem hohen Kachelofen saß die Familie, die sie dort vortags schon gesehen hatten. Der Hund lag wieder unter dem Tisch, dieses Mal verriet ihn aber nur die helle Schwanzspitze, die manchmal ein wenig zuckte.
Die Kinder saßen ungewöhnlich brav bei Tisch, blickten aber immer wieder leicht ungeduldig in Richtung der Tür. Es vermittelte den Eindruck, daß sie etwas ungeduldig den Aufbruch erwarteten.


Freundlich grüßend verließen die Vier nebst ihrem ziemlich tapsig wirkenden Mischlingshund den Raum. Während Hein kurz darauf sein rituelles Frühstücksrillo auf der Terrasse rauchte, blickte er über den nahezu leeren Parkplatz der Pension. Die junge Familie von eben bestieg gerade ihren Van. Der flapsige Vierbeiner sprang flott unter der erst halb geöffneten Heckklappe in den hinteren Laderaum, während die Kinder bereits die Schiebetüren zuzogen. Wenige Augenblicke später waren sie vom Hof gefahren. Das sah nach einem klassischen Familienausflug aus.
Hein und Luise beeilten sich etwas mit dem Frühstück. Schon mehrmals hatte die Dame vom Service an der Schwelle diskret kehrt gemacht, ließ aber durch ihr Verhalten dennoch den Wunsch zur Eile erkennen.


Der Nieselregen hatte aufgehört, das Wetter klarte auf, und der prognostizierte Sonnenschein konnte nicht mehr lange auf sich warten lassen.
Kurz vor der Mittagsstunde verließen Hein und Luise die Pension in Richtung des Parkplatzes, nicht ohne einen verstohlenen Seitenblick auf die merkwürdig wirkenden Gestalten, die auch an diesem Tage wieder neben dem Gebäude lungerten.

Der Tagesablauf war ab jetzt strukturiert. Zuerst stand die Parkplatzsuche auf der Altstadthalbinsel zwischen Donau und Inn auf dem Plan, gefolgt von St. Stephan Dombesichtigung, dann St. Paul am Alten Nordtor, danach zum Bootsanleger, Karten für die Rundfahrt lösen, die Wartezeit bis zum Ablegen mit Bier und Wurst überbrücken, diesmal sollte es eine Nürnberger sein.


Irgendwann am Nachmittag wollten die Beiden dann noch an der Donaupromenade Kaffee trinken. In verblüffend perfekter Weise ließen sich alle Einzelheiten dieser Planung inclusive der Flußfahrt reibungslos umsetzen. Noch vor 16 Uhr saßen die Zwei bei einer Tasse Kaffee mit romantischem Blick auf die Donau. Leider war es auf der Nordterrasse vor der Konditorei schon etwas kühl, und der Wind hatte aufgefrischt. So fuhren Hein und Luise ein wenig früher als vorgesehen zurück zur Pension.
Tief zufrieden mit dem Verlauf des Tages verbrachten sie die Zeit bis zum Abendessen auf ihrem Zimmer. Auf die Parkanlage neben dem Haus hatten sie keine rechte Lust und auch der Gastraum versprach zu dieser Zeit keine lohnende Abwechslung. Hein verband seinen Digitalfoto mit dem Fernseher und sortierte gemeinsam mit Luise die Bilder der vergangenen zwei Tage.


Zum Abendessen gingen sie bewußt später als am Vortag, in der Hoffnung, der Raum werde dann wärmer sein. Und es bestätigte sich schnell, der Gastraum war spürbar besser temperiert, fast schon gemütlich. Das Essen war erwartungsgemäß gut, an das Weißbier hatte sich Hein schnell gewöhnt. Gerne nahm er auch ein zweites. Auch Luise getraute sich, wie sie betonte ausnahmsweise, an solch ein Halbliter-Glas.
Auf der Raucherterrasse kam Hein nach dem Essen mit dem jungen Familienvater auf ein paar Worte ins Gespräch. Auch er hatte sich vor Tagen schon angewöhnt, mit seiner Familie meist etwas später zum Abendbrot zu erscheinen. Er versicherte, daß es im Sommer gemütlicher sei. Die Familie verbrachte schon seit mehreren Jahren ihren Urlaub regelmäßig hier.


Nachdem beide ihre Nikotinspiegel nachgepegelt hatten, gingen sie zurück zu ihren jeweiligen Plätzen. Es sollte aber nicht lange dauern, da saßen sie gemeinsam am Stammtisch im Raucherraum. Die jungen Eltern hatten ihre zwei Töchter auf ihr Zimmer gebeten. Es folgte noch das eine oder andere Bier, für die Herren gab es auch einen Klaren, für die Damen einen Likör. In gelöster Atmosphäre klärte sich dann auch das Rätsel um die auffällige Folgsamkeit der beiden Töchter.



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Schon am Tage ihrer Anreise waren die zwei Mädels in aufdringlicher, wenn nicht gar unflätiger Weise von den jungen Männern im Seitenbau angesprochen worden. Den genauen Wortlaut konnten die Kinder mangels der Kenntnis passender Fremdsprachen nicht wiedergeben. Die Eltern gaben aber zu erkennen, daß es wohl unmißverständlich gewesen sein mußte. Daraufhin hatten sie sich sehr schnell mit ihren Töchtern auf einen ungewöhnlichen aber notwendigen Kompromiß geeinigt.
Anstelle der vorgesehenen zwei Wochen des Aufenthalts, vereinbarten sie eine Verkürzung auf die halbe Dauer. Dafür versprachen die Kinder, das Haus nicht ohne elterliche Begleitung zu verlassen, und auf abendlichen Ausgang gänzlich zu verzichten. Sie bekamen ein eigenes Hotelzimmer, jedes Fernsehlimit wurde aufgehoben, und die Eltern versprachen für den nächsten Urlaub definitiv einen anderen Zielort.


Obwohl die Runde sich äußerst kommunikativ entwickelt hatte, war der Gesprächsverlauf Hein und Luise zunehmend unangenehm geworden. Irgendwie waren sie froh, gegen Mitternacht wieder in ihrem Zimmer zu sein. Hein rauchte auf dem Balkon nun schon sein drittes Rillo. Er hatte sich eine Jacke übergezogen, schien aber noch keine rechte Ruhe finden zu wollen. Luise hatte den Fernseher auf Stumm gestellt. Sie blickte abwesend und wortlos auf den Bildschirm und hatte die Fleecedecke bis unter das Kinn gezogen.
Hein drückte nervös seine halb gerauchte Rillo aus und setzte sich schweigend zu seiner Luise. Nach langem Zögern fragte er sie:
Kann es sein, daß wir irgendwas nicht mitbekommen haben ?

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