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Gastpublikation
Hein Michel
Wilhelm Jacob
- 13
Die nächtliche Ruhe

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Nach einem ereignisreichen Tag und einem opulenten Abendessen, versprach der fortgeschrittene Abend Gemütlichkeit. Das kleine zweisitzige Sofa war zurechtgerückt, die Blickachse zum TV optimiert und die leichte Fleecedecke lag griffbereit. Luise hatte die Programmzeitschrift schon nach dem Frühstück studiert, um sich des Sendebeginns ihres Abendkrimis zu vergewissern.
Einige Minuten waren noch Zeit. Das genügte, um die Chips bereitzustellen. Das leise monotone Rauschen der Kühlbox war verstummt. Hein hatte das darin mitgebrachte Dosenbier für kühl genug befunden.


Alles wirkte ein wenig improvisiert und dennoch fast heimelig. Die zwei stumpigen Zahnputzgläser auf dem Beistelltisch waren gewöhnungsbedürftig, aber an stilistisch korrekte Biergläser hatte niemand gedacht.
Deutlich nach Mitternacht schaltete Luise den Fernseher aus. Hein war schon vor einer guten Stunde eingenickt. Daß die Beiden zu dieser fortgeschrittenen Stunde noch nicht schliefen, störte sie nicht. Es war Urlaub, für den nächsten Vormittag war noch Nieselregen gemeldet, das war also ohnehin kein Ausflugswetter. Sonnenschein war erst zur Mittagszeit avisiert, daher hatten sie ihre Fahrt in die Stadt Passau auch erst auf den Nachmittag geplant. Es blieb ausreichend Zeit, am kommenden Morgen auszuschlafen. Einzig das übliche Ende der Frühstückszeit um zehn Uhr gab den Zeitrahmen vor. So stellten sie den Wecker auf neun Uhr, das mußte früh genug sein.


Die ersehnte Nachtruhe war leider nicht frei von Unterbrechungen. Immer wieder störten merkwürdige Poltergeräusche. Manchmal schien es auch, als rücke jemand Möbel oder andere massive Gegenstände. Hin und wieder fielen auch Türen oder Fenster ungewöhnlich geräuschvoll zu.
Anhand der geringen Besucherzahl im Gästeraum beim Frühstück, wie auch zur Abendzeit, waren Hein und Luise davon ausgegangen, nahezu die einzigen Urlauber zu sein. Angesichts der Jahreszeit, es war bestenfalls Nebensaison, hatten sie bewußt mit Ruhe gerechnet. An ungestörten Schlaf war aber unter diesen Umständen nicht zu denken.

Warum nur störten sich die Pensionsbetreiber offensichtlich nicht an dieser ständigen Unruhe? Sollte der nächtliche Lärm aus dem Nebenbau gekommen sein, so mutmaßte Hein gegenüber Luise, müßten diese Gäste für die Vermieter wohl existenziell wichtig sein. Folglich mußte es sich um eine ganz besondere Gruppenbuchung handeln. Bei allem Verständnis für den Geschäftssinn der Verantwortlichen - seine Erwartungen bezüglich eines erholsamen Urlaubs waren erheblich gestört. Auch äußerte er Luise gegenüber den Gedanken, sich noch vor dem Frühstück an die Geschäftsleitung zu wenden.

Luise beschwichtigte und gab rasch zu bedenken, daß eine Beschwerde auch schnell falsch verstanden werden könne. Keinesfalls wollte sie als nörglerisch oder gar überempfindlich gelten. Und daß es in Gastbetrieben mit internationalem Publikum besonderen Verständnisses bedurfte, wurde ja sogar im Fernsehen immer betont. In ihrer wöchentlichen Lieblingsserie hatte es auch einmal vorübergehende Spannungen mit fremden Nachbarn gegeben. Das hatte sich aber alles schnell wieder beruhigt.
Hein merkte schnell, daß er mit seinem Unmut zu weit vorgeprescht war. Schnell gab er der Hoffnung Ausdruck, daß die Zustände der vergangenen Nacht sicherlich eine Ausnahme gewesen seien.

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Der Prophet des Islam

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