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Gastpublikation
Hein Michel
Wilhelm Jacob
- 12
Das Abendessen

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Um 18 Uhr öffnete der Speiseraum in der Pension Sonnenhang. Hein und Luise waren von ihrer Wanderung zurückgekehrt und sahen erwartungsvoll zur Uhr. Ihr Mittagstisch war ausgefallen, die Beiden hatten sich mit zwei belegten Semmeln begnügt, die Luise noch rasch mitgenommen hatte, als sie am Morgen den Frühstücksraum verließen.
Ein leises Knurren vermeldete Hunger. Hein wollte gerne noch das Regionalmagazin des Bayerischen Rundfunks abwarten. Er erhoffte sich zuverlässige Wettermeldungen für den nächsten Tag.


Für ihren zweiten Urlaubstag sahen die Beiden eine Fahrt in die Passauer Innenstadt vor. Am Ufer der Donau einen Kaffee zu trinken, war genau nach Luises Geschmack. Auch hatte sie in einem Faltblatt, welches sie zuvor in der Lobby eingesteckt hatte, die ansprechenden Bilder der Ausflugsschiffe gesehen. Diese lagen an der Uferpromenade unweit des Domplatzes. Hein war ihr Interesse an einem solchen touristischen Event nicht entgangen, und alleine schon das Motiv des Domes Sankt Stephan war ihm einige Bilder wert. Gutes Wetter war also Bedingung, und dieses wurde soeben im Regionalsender für den nächsten Mittag bestätigt.


Mit beruhigender Planungssicherheit für den folgenden Tag, begaben sich die Beiden zum Speiseraum. Halbpension bedeutete hier "abends warm".
Für Hein hieß das ganz klar, Braten, Knödel, Kraut. Und dazu, so viel hatte er schnell gelernt, ein Weißbier. Das war nicht unbedingt so ganz sein Geschmack, aber sein Respekt gebot ihm diese Wahl. Luise gab dem Pichelsteiner den Vorzug. Nach allzu opulentem Essen fiel ihr das Einschlafen immer schwer, so erschien ihr die Suppe als die geeignetere Wahl.


Daß die Beiden wieder einmal fast alleine im Speiseraum saßen, war ihnen zunächst nicht aufgefallen. Nun, während sie auf das Essen warteten, Luise an ihrer Limonade nippte und Hein sich an das naturtrübe Weißbier zu gewöhnen schien, bemerkten sie, daß außer dem ihren lediglich ein einziger weiterer Tisch belegt war. In der Nische neben dem riesigen Zimmerofen, dessen chromoxid-grüne Schüsselkacheln sorgfältig poliert glänzten, saß eine Familie beim Abendbrot.
Die Erwachsenen, beide Mitte dreißig, unterhielten sich in gedämpftem Ton, die zwei Mädels, angehende Teens waren mit ihren Smartphones beschäftigt, und unter dem Tisch schaute etwas eine schwarze Hundenase zwischen zwei hellbraunen Pfoten hervor. So aufmerksam Hein auch beobachtete, dort bewegte sich nichts. Der Vierbeiner schien wohl tief zu schlafen.

Der Raum war ein wenig kühl. Das kannte Luise schon von Frühstück. Daher war sie froh, als ihre ersehnte Suppe serviert wurde. Hein staunte angesichts der wirklich großzügig bemessenen Bratenscheiben. Auf Luises Blicke in Richtung der Semmelknödel reagierte er sofort, indem er betonte, daß er diese Portion niemals alleine schaffen könne. Diesen versteckten Charme schätzte sie an ihrem Hein. Gerne half sie ihm, indem sie ab und an ein Stück Knödel zu sich herübernahm. Beiden war es warm geworden und sie gerieten in entspanntes Plaudern. Auch zwei weitere Gäste hatten inzwischen drüben am Fenster Platz genommen.


Hein erklärte Luise seit langer Zeit einmal wieder die liturgisch bedingten Besonderheiten von Bildstöcken und Wegkreuzen bis hin zu den Widmungsanlässen verschiedenster Votivkapellen. Daß Hein es nicht mochte, wenn irgend jemand diese sakralen Orte despektierlich behandelte, konnte sie verstehen. Seine außergewöhnlich heftige Reaktion auf das Gaffiti mit der Mondsichel befremdete sie dennoch. Luise hätte ihn gerne direkt dazu befragt, doch angesichts seiner sichtlich erholten Stimmung unterließ sie es, dies Ereignis nochmals anzusprechen.
Der Hauch von Muskat zog von Heins fast leerem Teller noch zu Luise hinüber. Der lange Tag hatte seinen verdient harmonischen Ausklang gefunden. Noch ein Tässchen Espresso, dazu ein Stückchen Bayrisch Blockmalz, für Hein ein Rillo auf der Terrasse. Dort standen die Beiden nun, blickten noch einige Minuten in den Nachthimmel, an dem sich langsam der Mond in Form einer schmalen Sichel erhob.

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