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Gastpublikation
Hein Michel
Wilhelm Jacob
- 11
Die Wanderung

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Es wird wohl die freudige Anspannung gewesen sein, die Hein und Luise an diesem Morgen so früh aufstehen ließ. Bereits vor sieben Uhr standen sie am Frühstücksbüffet ihres Hotels und bestückten in aller Ruhe die Teller. Sie schienen die ersten Gäste zu sein, was sie angesichts der Uhrzeit erwartet hatten.
Der Raum war noch etwas frisch, Luise fröstelte leicht, woraufhin sie sich die Ärmelsäume ihrer viel zu dünnen Strickjacke über die Handgelenke zupfte.


Nach dem ersten Schlückchen heißen Kaffees taute sie auf, und ihre bis dahin noch etwas gedrungene Sitzhaltung löste sich. Sie kreiste ein paar mal ihre Schultern, während sie die Armbeugen streckte und ein aufrecht betontes Hohlkreuz zu machen schien. Noch während sie entspannt und vernehmlich respirierte ergänzte sie ihre rituell erscheinenden Leibesübungen durch eine Art von Fingergymnastik. Sogleich ging es ihr sichtlich besser. Erst jetzt schien sie so richtig erwacht zu sein, und auch ihre Gesichtszüge hellten sich auf.
Wären sie nicht ganz alleine im Frühstücksraum gewesen, hätte sich Luise niemals öffentlich zu derlei Verhalten hinreißen lassen. Aber sie waren ja unter sich, ganz wie daheim.


Hein sah das Ganze viel pragmatischer. Auch ihm war ein wenig kühl. Doch er hatte sich seine Kaffeetasse genommen und war zur Frühstücksterrasse gegangen. Dort stand er nun, rauchte den ersten Rillo des Tages und genoss die noch dürftigen Sonnenstrahlen. Hin und wieder schlenderte er ein paar Schritte auf und ab. Das war seine Art, den Tag zu beginnen.
Wenig später saßen Beide am Tisch und genossen in auffälliger Gelassenheit und ausgiebigst ihr Frühstück. Sie zeigten nicht den Ansatz von Eile. Die einzigen Gäste waren sie immernoch, so konnte Luise auch gänzlich unbeobachtet noch eine dritte Tasse Kaffee und eine weitere Semmel holen, was ihr ansonsten sicher ein wenig unangenehm gewesen wäre. Das selbstgemachte Pflaumenmus hatte es ihr angetan, da durfte es noch gerne etwas mehr sein.


Bevor sich Hein und Luise auf ihr Zimmer begaben, gingen sie noch ein paar Schritte im Außenbereich der Hotelanlage. Das reizvolle Fachwerkgebäude mit der kleinen attraktiven Grünanlage neben dem Parkplatz hatten sie bei ihrer Ankunft am Vortag nur flüchtig wahrgenommen. Nun bewunderten sie die sorgfältig gepflegten Blumenbeete, die ein sichtlich begabter Gartenfreund entlang des basaltgepflasterten Fußweges angelegt hatte. Etwa fünfzig Meter weiter, am Ende der schmalen Promenade war eine massive hölzerne Sitzgruppe installiert. Die Beiden nahmen auf dem rustikalen Möbel Platz und musterten das architektonisch ansprechende Pensionsgebäude.
Im Giebelteil oberhalb der zweiten Etage zierte ein anscheinend regional typisches Motiv die Fassade. Es handelte sich um ein Werk profaner Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts, welches in traditioneller Weise ein mächtiges Exemplar deutschen Rotwilds zeigte. Ein Waidmann hätte dieses Prachtstück als sichtlich brünftigen kapitalen Zwölfender bezeichnet, Luise genügte die Klassifizierung Hirsch. Ihr Blick verweilte dort, während sie leicht zurückgelehnt entspannte. Genau dieses Urlaubsgefühl hatte sie gesucht.

Hein beurteilte derweil mit scharfem Blick den Sanierungsstand in den Fensterbereichen. Die weißen PVC-Fenster mußten erst kürzlich erneuert worden sein, der noch nicht nachgestrichene Verputz in den nachgeglätteten Laibungen war ihm gleich aufgefallen. Besonders beeindruckten ihn die exakt eingebrachten Putzkanten aus grau eloxiertem Streckmetall. Das Gesamtbild des Hauses nötigte ihm einen gewissen Respekt ab, und er zeigte sichtliche Zufriedenheit, sich für gerade dieses Domizil entschieden zu haben.


Die ungewöhnlichen Gäste, welche stets den Seiteneingang zu nutzen schienen, waren Hein schon aufgefallen, während er mit Luise platzgenommen hatte. Seit diesem Moment waren rund ein Dutzend junger Männer vereinzelt oder auch in kleinen Grüppchen dort ein und ausgegangen. Er hielt sie zunächst für Handwerker, doch deren Freizeitkleidung sprach eigentlich dagegen. Vielleicht handelte es sich um eine Urlaubergruppe, die im Nebentrakt des Gästehauses Quartier genommen hatte.
Auch Luise war das Treiben nicht entgangen. Sie empfand die Präsenz der sportlich erscheinenden, sehr dunkelhäutig wirkenden Männer als ein Zeichen der hohen touristischen Attraktivität Niederbayerns. Reisende aus fernen Ländern, zumal in dieser Zahl, hätte sie in dieser abgelegenen Region zwar weniger erwartet, aber in Zeiten der Globalisierung konnte ja vieles möglich sein. Sie selbst hatten ja damals, während ihres Urlaubs in Ravenna, ebenfalls eine Pension außerhalb der Stadt gebucht.


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Nun aber wollten sich Hein und Luise zum Wandern rüsten. Sie begaben sich auf ihr Zimmer, und wenig später verließen sie das Haus. Zünftig gekleidet, mit rubustem Schuhwerk und professionell geriemten Rückentaschen machten sie sich auf den Weg zu einem ausgewiesenen Wandersteig, den sie als besondere Empfehlung im Hausprospekt an der Rezeption entdeckt hatten. Ein Streckenteil dieser ausgewählten Route sollte sogar dem Verlauf einer historischen Pilger-Route folgen, zumindest galt er als bekannte Zuwegung des Ost-Bayerischen Jakobsweges.


Bald erreichten sie den ausgewiesenen Parcours, der in ihrem handlichen Wanderführer bezeichnet war. Sogleich fanden sie auch das erste markierte Wegkreuz. Ihre Umgebungskarte zeigte an, daß sich entlang ihres geplanten Weges in regelmäßigen Abständen ein solches Flurdenkmal und an nahezu jeder Gabelung eine Weg- beziehungsweise Stationskapelle befand. So hätten sie jederzeit Gelegenheit zu kleineren Ruhepausen. Das war ihnen wichtig, denn richtige Wanderungen hatten Hein und Luise schon lange nicht mehr unternommen.
Nicht daß die Beiden wirklich ernsthafte Kirchgänger gewesen seien, sie sahen sich eher als Gelegenheitsgläubige und zeigte sich immer dem Weltlichen weit mehr zugeneigt als dem Spirituellen. Hein hatte aber ein ganz besonderes Hobby. Seine außergewöhnliche Leidenschaft widmete sich genau diesen Devotionalien aus den Ateliers mehr oder minder bekannter Künstler bis hin zu Werken der sakralen Volkskunst.



Im Kreise seiner Fußballfreunde sprach er niemals über seine diesbezüglichen Interessen, doch hier, fern der Heimat, lebte er auf beim Anblick dieser Kleinode. So versäumte er auch nicht, jedes Wegkreuz, jeden Bildstock und jede weitere Segensstation Eucharistischer Prozessionen in analogen Notizen und digitalen Bildern zu dokumentieren.
An einer der Stationen richtete Hein ein offensichtlich umgeworfenes Kreuz wieder auf. Es war seiner Mutmaßung nach Bestandteil eines Flurumgangs von lediglich lokaler Bedeutung, und dennoch wußte er um die Symbolik seines Handelns. Ein Ansatz von Frömmigkeit lag in seinem ernsten Gesicht, als er zu Luise sagte, der kleinen Gemeinde werde es wohl am Geld mangeln, wenn es um die Pflege ihrer weit verstreuten Wegzeichen ginge.

An dieser Erklärung kamen ihm aber schon kurz darauf leichte Zweifel. An einer nett anmutenden, wenn auch bescheidenen Wegkapelle fielen ihm unschöne Farbschmiereien auf. Daß er dieses abstoßende Graffiti ausgerechnet auf der so hübschen Bruchsteinwand sehen mußte, verärgerte ihn. Seine Worte waren dem Ort nur wenig angemessen. Das dargestellte Motiv hingegen kommentierte er nicht. Die schmale Mondsichel und die befremdlich anmutende Ligatur konnte Hein kaum entgangen sein.
Angesichts seiner recht profunden religionsgeschichtlichen Kenntnisse, wird er das respektlose Geschmiere kaum für einen Kinderscherz gehalten haben.
Und dennoch - Er schwieg.




Luise irritierte Heins ungewöhnliche Deftigkeit in der Wahl seiner Worte. Irgendetwas mußte ihn immens aufgebracht haben. Diese Art plötzlicher Wut erlebte sie bei ihrem Hein zum ersten Mal. Auch war ihm offensichtlich an einer Fortsetzung der Wandertour nichts mehr gelegen. In leisem Ton fragte er seine Luise: Sollen wir zurück? Irgendwie mag ich heute nicht mehr.


Auf dem Rückweg zur Pension schwiegen Beide. Heins Schritte hatten etwas mechanisches. Luise war verunsichert. Aber am Abend werde er ihr sicherlich die Gründe seines Stimmungsumschwungs erklären.

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