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Gastpublikation
Hein Michel
Wilhelm Jacob
- 10
Das Hotel

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Am Ortsrand der kleinen Gemeinde nahe Passau lag die Privatpension, bei der Hein und Luise vor wenigen Tagen ihren zehntägigen Urlaub gebucht hatten. Von außen betrachtet entsprach das gepflegte Fachwerkhaus genau den einladenden Abbildungen der Prospekte.
Die freundliche Dame an der Rezeption nahm routiniert die Buchungsunterlagen entgegen und händigte Hein und Luise sogleich die Zimmerschlüssel aus. Nach einer gezielt knappen Information zu den Frühstückszeiten und dem Verweis auf den Hausprospekt, begannen die Beiden ihr Gepäck zu entladen und begaben sich auf ihr Zimmer.


Die Räumlichkeit präsentierte sich erwartungsgemäß ein wenig schlicht, bot aber ausreichende Gemütlichkeit. Sogar ein TV-Gerät gehörte zum Standard. Für Hein war das aus nachvollziehbaren Gründen von elementarer Wichtigkeit. Auf die Minibar konnte er dagegen durchaus verzichten, hatten sie doch ihre Reise-Kühlbox dabei. Rasch war jedes Utensil an seinem Platz, und Luise freute sich schon auf einen leckeren Germknödel.
Bei einem beiläufigen Blick in den Gastraum hatte sie einen solchen auf einem der Tische gesehen. Das niederbayerische Hefegebäck kannte sie aus einem Österreichischen Rezeptebuch, hatte sich aber noch nie herangetraut. Als sie dann auch noch erfuhr, daß das Pflaumenmus hausgemacht sei, konnte Luise nicht mehr widerstehen. Hein gab ohne lange Überlegung der Weißwurst den Vorzug. Bodenständig und regional korrekt mußte schon sein, auch wenn er seinen kleinen Stilbruch nicht gleich bemerkte, als er sich anstelle des Obergärigen ein Pils bestellte.

Den restlichen Nachmittag ließen Hein und Luise bewußt geruhsam ausklingen. Der Tag war lang genug gewesen, die Fahrt hatte sichtlich ermüdet. Hein drehte den kleinen bequemen Zweisitzer im Pensionszimmer ein wenig zur Seite, wodurch er den Blick zum Fernseher optimierte. Schnell fand er auch den Videotext und blätterte durch die aktuellen Spielergebnisse. Alles schien zu seiner besten Zufriedenheit. Nur dieser unnötige Rauchmelder an der Zimmerdecke signalisierte ihm, daß er bei der Reservierung wohl nicht bedacht hatte, ein Raucherzimmer zu wählen. Glücklicherweise hatten sie ein Zimmer mit Balkon.

Entspannt und zufrieden reflektierten sie nochmals den ereignisreichen Tag, sprachen noch über dies und über jenes, über das sympathische Dorf mit der idyllischen Uferböschung, das lustige Entenpärchen, die leckeren Stullen, und natürlich dachten sie auch an zu Hause, an ihre lieben Kinder und besonders an ihre Tochter Nicole, die so perfekt die Onlinebuchung erledigt hatte. Einzig der Rastplatz bei Frankfurt blieb erneut unerwähnt.

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