stachelschriften
Gastpublikation
Hein Michel
Wilhelm Jacob
- 9 -
Die Reise

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Seit Tagen sahen Hein und Luise freudig gespannt ihrem Urlaub entgegen. Ihre letzte gemeinsame Reise lag schon viele Jahre zurück. Damals war Italien ihr Urlaubsland gewesen. Das galt auch schon zu dieser Zeit als ein wenig antiquiert, die meisten Nachbarn und auch viele ihrer Bekannten neigten eher zu zeitgemäßeren Flugreisen.
Doch Hein mochte das Fliegen noch nie, und Luise wäre bei dieser Art des Reisens, schon wegen ihres Garderobenbedarfs, bereits an jedem Gepäckband gescheitert.

Doch das war lange her. Dem fortgeschritteneren Alter geschuldet, hatte sich das Interesse an Fernreisen deutlich vermindert, das einzuplanende Reisegepäck hingegen keineswegs. Nur gut, daß ein geräumiger Familienkombi bereitstand, und diesen galt es nun zu beladen.


Luise hatte in den vergangenen Tagen schon die einen oder anderen Koffer gepackt. Zwei dieser Exemplare muteten sowohl in Form als auch Farbe leicht exotisch an. Sie ließen sich auch ohne ausgeprägte Designkenntnisse dem Stil der späten 70-er zuordnen. Diese beiden hellbraunen Behältnisse aus störrischem Kunstleder ließen optisch an ihrer bewegten Vergangenheit keine Zweifel. Etwas zeitgemäßer waren dagegen die drei Rollköfferchen, welche Nicole und Stefan eigens mitgebracht hatten.
Während Luise die letzten Gepäckstücke entlang des Ausgangs aufreihte, hatte Hein im Keller die elektrische Kühlbox entdeckt, welche er schon vor geraumer Zeit im Elektromarkt erworben hatte. Sie war unbenutzt, und mehrmals war er schon an dem Punkt gewesen, sich die Unnötigkeit dieses Kaufs einzugestehen. Nun endlich wurde sie unentbehrlich. Akribisch reinigte er innen wie außen das Kunsstoffgehäuse und polierte jede Kühlrippe des kleinen Konvektors unter dem Klappdeckel. Es schien, als habe er für diesen damaligen Fehlkauf soeben die Absolution erhalten.

In den frühen Morgenstunden des nächsten Tages belud Hein zügig und unkonventionell den großen Stauraum des Kombis. Luise schmierte deftige Stullen und befüllte die Thermoskanne. Das Frühstück war mit einer Tasse Kaffee im Vorübergehen an der Küchentheke erledigt. Wenig später rollten Hein und Luise bereits auf der Autobahn in Richtung Frankfurt. Erst dort war die erste Pause vorgesehen. Sie waren sichtlich in Eile, wenngleich auch keineswegs hektisch. Immerhin hatten sie bis ins niederbayerische Passau deutlich über 600 Kilometer vor sich, und das gebuchte Pensionszimmer konnte ab 15 Uhr bezogen werden.
Nahe Frankfurt steuerte Hein einen Parkplatz an, es war Frühstückszeit. Routiniert setzte er den Kombi rückwärts in eine Parkbucht und tastete sogleich nach dem Rillopäckchen in seiner Hemdtasche. Luise reckte ihren linken Arm nach der Thermoskanne und den Gefrierbeuteln hinter dem Fahrersitz.


Hein zog intensivst an einem eilends angezündeten Zigarillo und inhalierte tief. Er kniff sich die Flanken oberhalb seines Beckens und streckte sich während er gemächlich einige Schritte über den Parkplatz ging. Seine Bewegungen erinnerten an den Gang eines Seemannes, der gerade von Bord kam, doch schon nach wenigen Dehnübungen wirkte er deutlich entspannt - vielleicht lag es auch einfach am Nikotin.

Wenige Minuten später saß er wieder hinter dem Steuer, vor ihm stand ein leicht dampfender Kaffeebecher, welcher sich oberhalb der Armaturentafel an die Frontscheibe stützte. Zu diesem belebenden Heißgetränk reichte Luise ihm eine der Käsestullen, die ihm seit gut einer Stunde nicht mehr aus dem Sinn gegangen waren. Das war perfekt.


Ein wenig beunruhigt, wenn nicht gar argwöhnisch, musterte er währenddessen die befremdlich wirkende Versammlung auf dem Grünstreifen unweit der Parkreihen.
Dort hatten mehrere stoppelbärtige Männer in karierten Holzfällerhemden platzgenommen, auf einer bunten Decke im Gras saßen einige Frauen in langen Gewändern, deren Kopfbekleidung an bäuerliche Traditionskleidung zu Beginn des letzten Jahrhunderts erinnerte.
Hein kannte das von alten Familienbildern. Seine Großeltern besaßen einen beachtlichen Agrarbetrieb, wie man heute sagen würde, damals hieß das Bauernhof. Auch dort trug man anscheinend solche Kopftücher. Er konnte sich dennoch nur schwerlich vorstellen, wo sich hier im Raststättenbereich eine Landwirtschaft befinden sollte.
Die unüberschaubare Zahl herumtobernder Kinder aller Altersstufen deutete wiederum klar darauf hin, daß es sich um eine Großfamilie handeln mußte, wie sie in unserer postindustriellen Gesellschaft selten geworden war.


Ganz wohl war ihm angesichts der geringen Entfernung zu deren Lagerplatz nicht. Dennoch wäre er niemals auf den Gedanken gekommen, so etwas Luise gegenüber zu äußern. Seine unterschwellige Aversion war ihm selbst zu peinlich, aber sie war nun mal da, und sie wollte nicht schwinden, so sehr er sich auch bemühte, stets politisch korrekt zu denken.
Die Verkehrslage hatte bislang keinen Anlaß gegeben, an einem zügigen Weiterkommen zu zweifeln. Hein nahm dennoch das Argument eines eventuell möglichen Verkehrsstaus zum Vorwand, die Fahrt möglichst schnell fortsetzen zu wollen.
Luise schwieg, legte rasch das Vesperdeckchen auf ihrem Schoß zusammen und verstaute kommentarlos und in aller Gelassenheit alle Utensilien in der Einkaufstasche hinter dem Fahrersitz. Auch sie hatte im Augenwinkel dieses eigentümliche Grüppchen gesehen, auch sie hatte ihre Unruhe gekonnt verborgen, auch sie hätte niemals ein Wort gesagt.



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Die Achse des Guten

Irgendwo zwischen Nürnberg und Regensburg verließen Hein und Luise die Autobahn. Über eine unscheinbare Abfahrt erreichten sie ein kleines Dorf in Sichtweite zur A3. Nach einer schmalen Brücke hielten sie zur Rechten auf dem freien Parkplatz eines Wirtshauses. Dort legten sie eine Decke auf die Wiese an der Uferböschung eines idyllischen Rinnsals, welches friedlich durch das Örtchen plätscherte.
Hein und Luise schienen es hier keineswegs eilig zu haben. Auch nach gut einer halben Stunde waren sie immernoch nicht aufgebrochen. Stattdessen verfütterten sie die letzten Brotkrümel an ein bettelndes Stockentenpärchen, welches recht schnell auf die Beiden aufmerksam geworden war.


Abgesehen vom Mittagsläuten aus dem Zwiebelturm der Gemeindekirche und dem einen oder anderen Fahrzeug auf der Dorfstraße, war der Aufenthalt am Bachufer spannungsfrei wenn nicht gar ereignislos verlaufen. Nun beendeten die beiden Urlauber ihr Picknick. Es waren noch knappe drei Stunden Zeit bis zur avisierten Ankunft bei Passau - die restlichen Kilometer mußten ohne weitere Pause zu bewerkstelligen sein.
Hein und Luise waren wieder auf der Autobahn, ihre Kommunikation war zurückgekehrt, sie plauderten entspannt über die beiden Enten, und waren sich in gewohnter Harmonie einig, daß dies doch ein wahrhaft idyllisches Plätzchen gewesen sei. Eigentlich hatte der Urlaub schon jetzt so richtig begonnen.




Ihre Themen reichten von lange zurück liegenden Wanderungen mit den Kindern bis zur Taufe der Enkel, vom Italienurlaub in Ravenna bis zu den Urlaubserzählungen ihrer Kinder. Und immer wieder kam ihnen das nette Bild der beiden Enten in den Sinn. Die letzte Reiseetappe verging kurzweilig und unterhaltsam. Sie waren bereits kurz vor Passau als Luise begann, dem Straßenatlas zu studieren, schließlich wollte sie die richtige Abfahrt keinesfalls verpassen.

Nach einer weiteren Viertelstunde waren Hein und Luise in der Pension angekommen. Sie hatten unterwegs über so vieles geplaudert, wie schon lange nicht mehr. Einzig über die Raststätte bei Frankfurt hatten sie kein einziges Wort verloren.

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