stachelschriften
Gastpublikation
Hein Michel
Wilhelm Jacob
- 8 -
Der Urlaub

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Luise und Hein saßen gemeinsam am großen Eßtisch in der Guten Stube und sortierten die zahllosen Blätter, welche sich um den Reiseatlas ihres Automobilclubs reihten.
Ihre Kinder hatten im Internet allerlei Information zu mehreren Urlaubsorten recherchiert und am vergangenen Abend in gedruckter Form vorbeigebracht.
Im Abgleich zwischen den unterschiedlichsten Reisevorschlägen hatten die vertrauten Gebiete in Deutschland ganz klar das Rennen gemacht.
Italien wäre schön gewesen, aber angesichts ihres Alters erschien den beiden nun angehenden Rentnern die lange Reise zu beschwerlich.


Eine Flugreise kam nicht in Betracht. Die seitens ihrer Kinder besonders empfohlenen Pauschalangebote inclusive des Fluges in Länder wie der Türkei oder nach Nordafrika waren preislich verlockend.
Angesichts des Grades der fortgeschrittenen Umvolkung in ihrer heimatlichen Nachbarschaft, empfanden Luise und Hein bereits den Gedanken an diese Länder als abstoßend.
Es blieben somit im wesentlichen die Urlaubsregionen in Deutschland, den BeNeLux und eventuell auch im östlichen Frankreich. Das waren auch die Länder, deren Kartenmaterial nun vor ihnen lag. Daß die Reise mit dem PKW stattfinden sollte, war bereits geklärt, etwas besseres als den geräumigen Familienkombi gab es ja ohnehin nicht. Jetzt stand die Entscheidung zwischen Berge und Meer an.

Ein Anruf bei Tochter Nicole erbrachte die notwendigen Wetter- und Klimadaten. Noch während des knapp zehnminütigen Gespräches, Nicole schien in Eile zu sein, übermittelte sie alle relevanten Informationen.
Luise staunte angesichts der profunden meteorologischen Kenntnisse ihrer Tochter, die währenddessen emsig mit Daumen und Zeigefinger über ihr neues Smartphone strich.
Luise hatte sich rasch eines der Infoblätter unter dem Atlas hervorgezogen und notierte penibel eine Fülle an Durchschnittstemperaturen, Niederschlagsmengen, Sonnenstunden, Auf- und Untergangszeiten sowie Wassertemperaturen und Windgeschwindigkeiten an Nord- und Ostsee.
Die Flut hochrelevanter Daten wollte nicht enden. Gegen Ende des Telefonats hatte Luise die Ränder dreier Infoblätter mit allerlei Notizen versehen, und Nicole drängte spürbar nervös auf ein Gesprächsende, indem sie sich mit einem liebevollen aber ebenso bestimmten "bis später" verabschiedete.


Hein und Luise machten sich an die Auswertung der soeben erhaltenen Daten. In der Beurteilung der Wassertemperaturen von Nord- wie auch Ostsee bestand schnell Einigkeit - außerhalb des Hochsommers war das schlicht zu kalt. Wie hatten das Nicole und ihr Mann Stefan das nur ausgehalten? Die beiden passionierten Jollensegler hatten vor ziemlich genau einem Jahr an einem Vereinswettbewerb nahe der Kieler Förde teilgenommen. So gesehen galten die Zwei als sicherlich kompetente Quelle für Informationen aus erster Hand. Hein und Luise waren aber nun mal keine wirklichen Sportler, und in ihrem Alter wollten sie das auch nicht mehr werden.
Eine Neusortierung der immernoch zahllos erscheinenden Zettel auf dem langen Eßtisch ergab eine erhebliche Reduktion. Übrig blieben die Informationsblätter zu Reisezielen in den Deutschen Mittelgebirgen. Ganz langsam wurde es überschaubar. Während Hein, der wohlsortierte Ordnung stets gerne sah, alles Gedruckte beseitigte, was die ausgeschlossenen Reiseziele betraf, begab sich Luise zur Küche und bereitete den Kaffee.

Auf dem Tisch lag nun der Straßenatlas, die Blätter zur Linken betrafen Eifel-Mosel-Hunsrück, oberhalb lag Mecklenburg, zur Rechten Sachsen, und unterhalb des Kartenwerkes eine gedruckte Sammlung dessen, was zu Süddeutschland paßte.
Alles war wieder ästhetisch auf Kante gelegt, und selbst die kleinen Unterlegdeckchen für die Kaffeetassen hatten noch ihren Platz gefunden.
Die Seitenwangen des Eßtisches waren eingeschoben und die Damastdecke erstreckte sich wieder ordentlich und flächendeckend bis über die Kanten des Möbels, als Luise mit zwei Tassen frisch gebrühten Kaffees aus der Küche wiederkam.
Hein hatte in einer Übersichtskarte ein gutes Dutzend Markierungen gesetzt, und hatte sich schon darangemacht, die Entfernungen mittels konzentrischer Kreise um den Heimatort herum zu ermitteln.
Systematisch reduzierte sich die Zahl möglicher Reiseziele anhand selbstgesetzter Vorgaben. Eine gute Verkehrsanbindung, eine nicht allzu große Reisedistanz, Nähe zu mindestens einer Kreisstadt, aber auch eine Ortslage, welche eher dörfliche Strukturen versprach.

Die Entscheidung über das Reiseziel fiel am nächsten Tag. Hein hatte sich mit seinem Nachbarn, einem vertrauten Freund vom Fußballstammtisch, besprochen. Dieser war schon seit einigen Jahren Rentner, und er liebte das Reisen. Folglich kannte er fast alle Ecken Deutschlands, in denen ein Urlaub lohnen könnte, und er riet ihm zur Region um Passau.
Der barocke Dom Sankt Stephan zu Passau war Hein sicherlich kein Begriff, aber er wußte spontan um die Existenz des 1. FC, eines Drittlegisten. Multifunktionsanlagen wie die des Dreiflüssestadions konnte ihn zwar noch nie so richtig beeindrucken, für ein Samstagsspiel während des Urlaubs müßte das aber gut genug sein. In so fern war die niederbayerische Provinz eigentlich keine schlechte Wahl.



Urlaub und Unterkunft Deutschland


Unweit der Stadt Passau fand sich schnell eine Pension. Nicole und Stefan hatten wieder einmal das Internet bemüht, und die eilends ausgedruckten Auszüge aus der Website der Gastgeber überzeugten Hein und Luise.
Das inhabergeführte Gästehaus versprühte ein wenig den Charme der Guten Alten Zeit, die Zimmer erschienen aber modern und komfortabel, und auch preislich gab es keinerlei Grund zur Kritik.
Die Nähe zu den Flüssen Donau und Inn deuteten auf bequeme Radwege hin. Radfahren war aus Sicht der beiden baldigen Ruheständler ein ihrem Alter angemessener Sport, den sie im bevorstehenden Urlaub gerne ein wenig reaktivieren wollten.


Onlinebuchung, Kreditkartenzahlung, Bestätigungscode - oh je, das waren Vorgänge und Vokabeln aus einer anderen Welt. Aber das Angebot versprach einen gewissen Rabatt bei Inanspruchnahme all dieser befremdlichen Dinge. Also mußte wieder einmal Nicole einspringen. Gerne erledigte die liebe Tochter, wenn auch ein wenig schmunzelnd, alle Formalitäten nebst Onlinebezahlung des Vorzugspreises. Wenig später hielten Nicole und Stefan den frisch gedruckten sogenannten Hotelvoucher in Händen.
Schon tags darauf brachten die Beiden alle Buchungsunterlagen bei Hein und Luise im Lindenweg vorbei. Bei einer Tasse Kaffee überreichten sie ihnen alle erstellten Buchungsunterlagen in einem eigens beschrifteten A-5-Umschlag.

Bis in den späten Abend hinein studierten Hein und Luise mit zunehmender Vorfreude die mehrseitigen gedruckten Werke. Die Frage, warum eine Quittung heutigentags als "Voucher" bezeichnet werden muß, sollte ihm fortan ein Rätsel sein.

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