stachelschriften
Gastpublikation
Hein Michel
Wilhelm Jacob
- 7 -
Die Depression

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In den vergangenen Tagen war Hein sehr nervös gewesen. Schließlich hatte er ja erst kürzlich seine geliebte Arbeitsstelle gekündigt und sah nun einem gänzlich neuen und unbekannten Lebensabschnitt entgegen.
Seine Stimmung schwankte zwischen Gereiztheit und Resignation. Diese mentale Instabilität zeigte sich in einer gewissen Dünnhäutigkeit. Das hatte auch seine Gattin Luise gespürt. Sie sann nach Lösungen und war auf der Suche nach Wegen aus diesem ungewohnten Spannungsfeld.
Sie war über alle Maßen darüber verärgert, daß sich die äußeren Umstände in ihrem Lebensumfeld derart verändert hatten, daß Hein mit den Gegebenheiten nicht mehr zurechtzukommen schien.
Wenn sie sich aber aufmerksam umsah, mußte auch sie sich eingestehen, viele dieser Entwicklungen nicht bemerkt zu haben.


Luise war sich selbst gegenüber ehrlich genug, um einzusehen, daß sie die Situation in ihrem Kiez vermutlich gar nicht erkennen wollte.
Hätte sie wirklich hingesehen, wäre ihr nicht entgangen, daß sich unter den Angeboten im Supermarkt nun auch sogenannte Halal-Produkte fanden, daß ein gewisser Kleidungsstil sich bei einer steigenden Zahl von Damen zeigte, daß eben diese Damen übervolle Einkaufstüten sichtlich mühsam zum Parkplatz trugen, während die Herren gnädigst im Fahrzeug zu warten pflegten.
Sie hätte erkennen können, daß außerhalb der unmittelbaren Nachbarschaft weniger gegrüßt wurde, und ihr hätte bewußt werden können, daß auch sie selbst sich schon angewöhnt hatte, die Straßenseite zu wechseln, wenn ihr eine Gruppe Jugendlicher entgegenkam.
Wie war denn das früher in der Adventszeit gewesen ? Schmuck und Beleuchtung sind definitiv weniger geworden. Wo blieb der Laternenlauf zu Sankt Martin ? Lag das wirklich nur daran, daß die Zahl der Kinder geringer geworden war ?

Heins Stimmungswandel als Depression zu sehen, ging Luise zu weit. Aber je mehr sie nachdachte, um so nachvollziehbarer wurde seine Gemütslage.
Auch ihr fiel die Suche nach einer Verbesserung der Situation nicht leicht. Immer häufiger bemühte sich Luise um Kontakt zu ihren Kindern.
Ihre Tochter brachte während der letzten Telefonate die Idee einer Urlaubsreise ins Spiel. Diesen Vorschlag versuchte sie nun behutsam ihrem Gatten näherzubringen. Sie hatte das kleine Taschenalbum mit den Urlaubsbildern aus Ravenna aus dem Schreibfach der Schrankwand gekramt und dezent auf dem niederen ovalen Beistelltisch neben dem Sofa platziert. Der Ort war bewußt so gewählt, daß das Heftchen nicht aufdringlich wirkte, aber dennoch neben der Leselampe irgendwann einmal auffallen mußte.

Es dauerte auch nicht lange, bis Hein den ausgelegten Köder entdeckte. Mit einem fast schon wieder fröhlich klingenden "ach wie nett !" griff er nach dem guten Erinnerungsstück.
Wie im Bann einer manipulativen Magie blätterte Hein sogleich durch die chronologisch geordneten Motive, und er erinnerte sich sogar spontan an die Jahreszahl sowie an überraschende Details wie der Wetterlage, den Namen des Hotels und sogar an Einzelheiten des Brunchbuffets.
Luise mußte das Gespräch gar nicht mehr in die gewünschte Richtung lenken. Hein kam ganz von alleine und ohne ihr Mitwirken auf den Gedanken, den er in den Worten zusammenfaßte:
"das wär' doch mal wieder was !"

Seine Miene hellte auf und zeigte Freude, wie sie sie seit Tagen nicht mehr zu erkennen gewesen war. Luise signalisierte überraschtes Interesse und fragte in fast schon entlarvender Unschuld:
"was denn ?"

Gemeinsam wiederholten sie gedanklich die damalige Reise anhand der in Bildern festgehaltenen Erinnerungen. Ein alsbaldiger Urlaub war schon in diesem Moment weniger eine Frage des Ob-und-Wie als vielmehr nur noch eine Frage des Wann.


Noch am selben Abend stand fest, daß Hein den ihm zustehenden Resturlaub umgehend beantragen werde. Luises Arbeitsstelle bot ausreichende Flexibilität, Urlaub war für sie jederzeit möglich.
Wohin die Reise gehen sollte, wollten die Beiden in den Folgetagen in aller Ruhe entscheiden. Heins Seelenzustand schien gerettet, Luise konnte das Glück kaum fassen - ihr Hein war endlich wieder der Alte.

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