stachelschriften
Gastpublikation
Hein Michel
Wilhelm Jacob
- 6 -
Die Kündigung

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Hein rührte, langsamer als üblich, seinen Morgenkaffee. Geradezu abwesend starrte er über den Rand der Tasse hinweg. Er war schweigsamer als sonst, und erweckte den Eindruck, als wolle er gerade versuchen, gewichtige Gedanken und verständliche Worte zueinander zu bringen.
Luise saß ihm gegenüber, während Hein mit langsamen Streichbewegungen seiner rechten Hand, sich die Stirnfalten zu glätten schien. So nachdenklich sah Luise ihren Hein selten. Sie wollte sich schon um ihn sorgen, als er dann doch noch langsam den Blick hob, um ihr etwas anscheinend essenzielles mitzuteilen.
Als er die Brauen nach oben zog und sich seine Stirn erneut in tiefe Falten legte, sagte er zu Luise die wenigen aber gewichtigen Worte :
Ich geh' in Rente.

Mit dieser verblüffenden Prägnanz brachte er zugleich, wenn auch unausgesprochen zum Ausdruck, daß es für ihn wohl keinen Diskurs über die Sinnhaftigkeit seines Beschlusses geben werde.
Er fügte auch keine weiteren Erklärungen hinzu, sodaß Luise ihn nur sprachlos ansehen konnte. Sie versuchte, aus seiner Mimik wenigstens einen Hauch von Ironie abzuleiten. Doch ohne jeden Zweifel, Hein meinte das Gesagte ernst.
Nach gut 50 Jahren Arbeitsleben und einer fast ebenso langen Ehe, war Luise auf solch einen Entschluß nicht gefaßt gewesen. Erst vor wenigen Tagen hatte sich Hein doch noch so positiv und optimistisch über seinen Betrieb und die aktuellen Pläne seines Chefs geäußert.


Heins Nachdenklichkeit während der vergangenen Tage war ihr natürlich nicht entgangen, aber mit Plänen von einer solchen Tragweite hatte sie keineswegs gerechnet. So dauerte es auch einen Moment, bis sie den Mut fand, ihn nach den Beweggründen für eine derart gravierenden Zäsur zu fragen.
Hein schien um die Antwort ein wenig verlegen. Er suchte merklich nach Formulierungen, wählte seine Adjektive sorgsamer als üblich, und er sprach bedachter und formulierter als sonst. Sein Sprachumgang war schon immer von klaren und ganzen Sätzen geprägt, aber nun schien es, also wolle er sich lieber in mühsam verquaster Rhetorik ergehen. Nach mehreren Ansätzen, die Gründe seiner Entscheidung erklären zu wollen, hatte Luise noch immer nichts verstanden. Es sollte auch noch einige Minuten dauern, bis Hein den Mut zu klareren Termini fand.

Nun wurde er verständlicher, wenn auch zugleich politisch völlig inkorrekt. Luise schloß rasch das Küchenfenster, als Hein in ungewohnten und teils auch unschönen Worten seine Erlebnisse aus den vergangenen Tagen schilderte.
Seine Verunsicherung angesichts einer speziellen Gruppe Jugendlicher, benannte er nun plötzlich als Furcht.
Den Besitzerwechsel im Schnitzelhaus zum Schmalen Hans, bezeichnete er als Übernahme und Verdrängung.
Auch das Klientel des Elektronikmarktes schien er einer ethnischen Klassifizierung unterzogen zu haben. Das tat er sonst nie.
Es folgten unablässig weitere Schilderungen bis hinein in Petitessen, die ihm bis dato niemals einer Erwähnung wert gewesen wären.


Endlich hatte Hein mal so richtig Dampf abgelassen. Er war sichtlich erleichtert, Luise war verstört, sie war entsetzt. Glücklicherweise hatte sie gerade noch bei Zeiten das Fenster geschlossen.
Von initialer Bedeutung aber war für Hein ein Ereignis aus jüngsten Tagen. Sein Chef hatte in darum gebeten, einen kleinen Nebenraum im Lagerbereich freizuräumen und zu reinigen, was er pflichtgetreu auch sofort erledigte.
Als er sich am darauf folgenden Tage der Vollständigkeit seiner Arbeit nochmals vergewissern wollte, sah er nochmals in die besagte Kammer.
Dort fand er den gerade neu eigestellten Lageristen vor, der auf einem kleinen Teppich kniend, wohl irgendein religiöses Ritual vollzog. Noch bevor Hein sein Bedauern über die Störung ausdrücken konnte, wurde er mit rüden Worten des Raumes verwiesen.


Das mußte ihm dann doch wohl zu weit gegangen sein. Selbst die vertraulich beschwichtigenden Worte seines Chefs, vermochten seinen Entschluß nicht zu revidieren. Sein Wunsch nach Entlassung war unumkehrbar.
Hein galt noch nie als sehr spontan oder gar impulsiv - aber das war nicht mehr seine Welt, er war geduldig, gelassen, tolerant,
doch das war schlicht "zu Viel" !

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POLITICALLY INCORRECT

Michael Mannheimer Blog

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