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Gastpublikation
Hein Michel
Wilhelm Jacob
- 5 -
Der Wecker

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Mit seiner Hausmeister-Tätigkeit fühlte sich Hein eigentlich recht wohl. Besonders angenehm war ihm die Arbeitszeit. Von mittags bis zum frühen Abend oblag ihm die Wartung der Haustechnik im Betrieb seines Arbeitgebers, und in den Abendstunden übernahm er den Beginn der Nachtwache. Zudem war der tägliche Weg zur Arbeit binnen weniger Minuten zu Fuß zu bewerkstelligen. So gesehen entsprach Heins Arbeitssituation in kaum zu überbietender Weise seinen Wünschen.

Angesichts einer veränderten Sicherheitslage hatte nun aber der Chef beschlossen, die Nachtaufsicht bereits in den früheren Abendstunden den professionellen Securitybetreibern zu überlassen, und so mußte Hein sich leider einem künftig früheren Arbeitsbeginn anpassen.


Hein stand an diesem Vormittag wieder einmal im Elektronikmarkt. Dieses Mal suchte er einen Wecker, was sich im Prinzip als unproblematisch erwies. Die Modellvielfalt war beachtlich.
Das gewünschte Teil in schlichter Ausführung war dennoch schnell und routiniert gefunden.
Schließlich wußte er ja genau, was er wollte - analoge Anzeige, analoge Weckzeiteinstellung, und eine ausreichend große Taste zum Ausschalten. Es war es ja nicht sein erster Weckerkauf.


Hein pflegte stets gewisse Zweifel an seiner Gegenwartstauglichkeit. Moderne Digitaltechnik war nicht seine Stärke. Aber nun war er richtig stolz, hatte er doch den Einkauf im Fachmarkt erfolgreich und ohne technischen Beratungsbedarf erledigt.
Das ließ ihn sogar den etwas unangenehmen Gedanken an das künftige morgendliche Aufstehen für einen Moment vergessen. Besonders freute ihn der Umstand, eine Weckuhr gefunden zu haben, die in ihrer klaren Form und Funktion an frühere Exemplare erinnerte.


Zufrieden mit sich und der Welt ging Hein nach Hause. Dabei kamen ihm aber immer wieder die politisch wohlfeilen Worte von der sicheren Rente in den Sinn.
Auch erinnerte er sich an das einstmals so intensive Werben um die Frühverrentung oder die vorzeitige Pensionierung. Ebenso wurde ihm auch wieder bewußt, daß er trotz seines Alters immernoch keinen Rentenantrag gestellt hatte. Die prognostizierte Höhe seines Altersruhegeldes sprach aber zu seinem Bedauern stets dagegen.

In diese Gedanken vertieft, wäre ihm beinahe die Gruppe einer handvoll fröhlich gelangweilter junger Männer gar nicht aufgefallen, die er aber dann doch noch aus dem Augenwinkel wahrnahm.
Dort drüben am Parkplatz vor der kleinen Grünfläche standen sie.
Der Begriff des "Lungerns" wäre Hein vermutlich näher gelegen. Das Grüppchen lümmelte sich entlang der Seitenlinie des sportlichen Modells einer Mercedes C-Klasse neuerer Bauart.
Aus den weit geöffneten Fenstern der edlen Limousine schallten dumpfe Beats, die man aber auch bei verschlossenen Scheiben nur schwerlich überhört hätte.
Hein fühlte sich in schwerlich erklärbarer Weise sehr unwohl.


Zu Hause angekommen, öffnete er den dunklen, massivhölzernen Jugendstilsekretär, entnahm ihm den Umschlag, welchen er vor wenigen Monaten erhalten hatte und begann, die darin befindlichen Vordrucke zu studieren.
R 100, R 240 und noch irgendetwas mit SGB VI sowie weitere nicht ganz leicht verständliche Formblätter bedeckten alsbald die sorgsam gepflegte Schreibfläche.
Sehr ernsten Gesichts schien sich Hein nun tatsächlich mit dem Gedanken zu befassen, sich einer schon lange aufgeschobenen bürokratischen Herausforderung zu stellen.

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