stachelschriften
Gastpublikation
Hein Michel
Wilhelm Jacob
- 4 -
Die Phobie

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Kürzlich war Hein Michel dem ungeliebten ALG II entkommen, indem er gerade noch rechtzeitig, unweit seines Hauses im Lindenweg, die Stelle des frühpensionierten Hausmeisters übernehmen konnte.
Das deckte sich zwar keineswegs mit seinen Vorstellungen für den Ausklang seines langen Arbeitslebens, war aber, gemessen an möglichen Alternativen, eine noch halbwegs akzeptable Lösung.
Einzig die Hinnahme der im Arbeitsvertrag dokumentierten Tätigkeitsbezeichnung des "Facility-Managers" war ihm leicht zuwider.
Diesen neudeutschen Wortschöpfungen verweigerte er sich stets hartnäckig. Aber schließlich stand es ihm ja auch frei, dieses Papier lediglich den sorgsam geordneten Unterlagen seiner seitherigen Arbeitsvita beizuheften.


So mußte er nur noch den neuen Chef freundlich bitten, die Bezeichnung auf seinem Betriebsausweis ein wenig seinem persönlich gewohnten Duktus anzupassen. Vermutlich wegen der großen Nähe ihrer Beider Jahrgänge stieß Heins Anliegen widerspruchslos auf gute Resonanz. Ohnehin fanden Hein und sein neuer Chef mental schnell zueinander. Sehr schnell wurden aus dem Herrn Michel und seinem neuen Chef der Hein und der Helmuth.
Dieser umgängliche Herr schien besonders stolz auf das traditionsreich anmutende "th" am Ende seines Rufnamens. Er sah die betont eigene Schreibweise wohl als den Ausdruck eines gesunden Konservativismus. Heins Wunsch nach der ausgewiesenen Berufsbezeichnung des "Hausmeisters" beantwortete Helmuth also ganz wortlos mit einem souveränen Lächeln.
Einzig Heins Sohn, der eher beiläufig von dieser Episode aus dem neuen Berufsleben seines Vaters erfuhr, hätte den Facility-Manager reizvoller gefunden.
Hein jedenfalls war zufrieden und begann sich mit der ungewohnten Situation anzufreunden. Sein neuer Job gefiel ihm.

Die gleitenden Arbeitszeiten kamen ihm besonders entgegen. Durch die Übernahme der Spätschicht, inclusive der ersten Stunden der Nachtwache - nein, er sagte nie "Security" - bestand fortan keine Notwendigkeit mehr, den stets ungeliebt gewesenen Signalen des Weckers folgen zu müssen.
Jeden Tag so richtig ausschlafen - das kam einem Vorruhestand schon recht nahe.
Bei aller Freude an seinem Beruf, war Hein ganz entgangen, daß er das berentungsfähige Alter im Prinzip schon seit geraumer Zeit erreicht hatte. Die letzte Anspruchsberechnung lag inzwischen gute zwei Jahre zurück.
Damals bescheinigte ihm der freundliche Rentenberater ein voraussichtliches Ruhegeld, deutlich unterhalb aller Erwartungen. Daher war seine Entscheidung erst kürzlich wieder zu Gunsten eines weiteren Berufsjahres ausgefallen.


Es wird wohl am fortschreitenden Alter gelegen haben, daß Hein sich auf seinem täglichen Fußweg nach Hause, nicht mehr ganz so unbeschwert fühlte, verglichen mit früheren Jahren. Jede Straße, jede Gasse und jede noch so kleine Grünanlage war ihm vertraut. Er kannte jedes Haus und nahezu jedes geparkte Fahrzeug. Hier war sein Kiez, hier war er daheim, warum also diese unterschwellige Unsicherheit ?
Was hatte sich hier verändert ?
Aus dem Schnitzelhaus war ein Kebab-Imbiß geworden, aus dem kleinen Bäckerladen ein Schlüsseldienst, und die Schaufenster am Zeitungsladen wurden mit einer Art Spiegelfolie beklebt.
Das waren aber doch alles keine gravierenden Eingriffe.
Beim "Schmalen Hans" hatte Hein schon lange kein Schnitzel mehr gegessen, die Backwaren gab es im Supermarkt und die Wochenzeitung nahm er dort gleich mit. Einzig die Pizzeria vermißte er ein wenig, denn auch diese gab es seit einiger Zeit nicht mehr.

Nun gut, in der Tankstelle hat das Personal gewechselt, und der nette junge Mann in der Werkstatt heißt Muhammad. Aber ansonsten war doch Alles wie immer.
Vielleicht hat sich das Bild der Jugendlichen ein Stück weit gewandelt, aber das war ja normal. Schon immer war die Jugend ein wenig respektlos gegenüber den Alten.

Nachvollziehbare Gründe für sein ungutes Gefühl gab es also keineswegs.
Es mußte sich folglich um diese "diffusen Ängste" handeln, von denen man auch in den Medien immer wieder erfuhr. Er dachte an die einstigen Worte seines Vaters, wenn dieser mal wieder das Gaspedal seines alten Opels nicht zu finden schien, und dann stets zu bemerken pflegte : "Im Alter wird man eben ein bißchen ängstlich".

Sorge machte Hein der Gedanke, es könne auch eine Phobie sein, die ihn so beunruhigte.
Er hatte davon in der TV-Zeitung gelesen.
Da waren in letzter Zeit Phobien genannt worden, von denen er niemals etwas geahnt hätte.
Vielleicht ebenfalls solch eine Phobie zu haben, das machte ihm jetzt richtig Angst.

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PEGIDA

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