stachelschriften
Gastpublikation
Hein Michel
Wilhelm Jacob
- 3 -
Der neue Herd

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Ein unangenehmer und leicht beißender Geruch nach verschmorendem Kunststoff zog durch Michels Haus. In Nachbars Garten konnte die Ursache nicht liegen. Es regnete, also zum Grillen ein denkbar ungeeignetes Wetter.
Ein gut vernehmliches "Klack" aus Richtung der geschwungenen Holztreppe zur ersten Etage ließ Hein sogleich eine eventuelle Störung im Bereich der Hauselektrik vermuten. Hinter dem neben dem Aufgang platzierten Schlüsselkästlein verbarg sich nämlich der Sicherungskasten, und genau von dort mußte das markante Geräusch gekommen sein.
Seinem Primärverdacht folgend begab Hein sich zielstrebig zur Küche. Eine dezent erkennbare schlanke Schwade weißen Qualms stieg langsam aus dem Lüftungsgitter hinter dem erst kürzlich installierten Induktionskochfeld. Er öffnete rasch das Fenster, wohl wissend um die gesundheitichen Risiken dioxinbelasteter Raumluft. Mit Haustechnik kannte Hein sich aus, das war sein Metier.

Luise, seine Gattin hatte die Kartoffeln der Sorte Siglinde, welche sie stets und ausschließlich bei Seppels Biohof bezog, verwaist vor sich hinköcheln lassen. Währenddessen hatte sie sich in den Waschkeller begeben, wo sie noch vor der Bereitung des Lieblingsessen ihres Gatten rasch den Trockner befüllte.
Auf den geliebten Kartoffelsalat zu den knackigen Frankfurtern, werde man wohl heute Mittag verzichten müssen, kam Hein sogleich in den Sinn. Es visualisierte sich ihm der Gedanke an Würstchen mit einer Scheibe Brot vom Vortag. Damit mochte er sich aber so gar nicht anfreunden.
Enttäuscht, angesichts dieses Gedankens, erkundete er weiter das Ausmaß des Malheurs und diagnostizierte alsbald einen soeben erloschenen Kabelbrand. Als ursächlich erkannte er die selbst verschuldete Nässe im Bereich der Verdrahtung zwischen Backröhre und Kochfeld.


So zerplatzte auch noch die aufgekeimte Hoffnung auf eine Garantieregelung durch den Fachhandel. Zu Beginn seiner Untersuchung war er noch der vagen Hoffnung, der auf das Gerät begrenzte Schaden müßte, dank einer eigens erworbenen Garantieverlängerung, das Haushaltsbudget nicht belasten. Nun mußte er die Kosten für eine Neuanschaffung zu allem Ungemach auch noch selbst tragen.
Diese Erkenntnis schlug ihm leicht krampfend auf den Magen - Der aufkommende Hunger hingegen blieb.
Es bedurfte kaum mehr als der Überwindung eines synaptischen Spaltes, und Hein kam in den Sinn, daß Luise und Er seit Gedenken kein Restaurant mehr gemeinsam besucht hatten, sah man vom Hotelbuffet im Rahmen der Halbpension einer Pauschalreise ab.
Gedanklich begann er sich mit den gastronomischen Gegebenheiten der näheren Umgebung zu befassen. Die waren ihm eigentlich als durchaus umfangreich in Zahl und Vielfalt in Erinnerung. Die Idee eines auswärtigen Mittagessens war ihm schon lange nicht mehr in den Sinn gekommen. Nun gelang es ihm, Luises Schuldempfinden mittels dieses überraschenden Vorschlages spürbar zu mindern. Ihre spontane Gesichtsblässe beim Betreten des Küchenraums wich sogleich dem Ausdruck erkennbarer Vorfreude auf einen nun bevorstehenden Restaurantbesuch.

Den Italiener neben dem früheren Schreibwarenladen am Kirchhof gab es schon seit gut zwei Jahren nicht mehr. Das war Hein geläufig, ging er doch täglich auf seinem Weg zur Arbeit dort vorbei, stets mit der leisen Erwartung, hinter den mit Folie mattierten Fenstern doch noch einmal Hinweise auf eine mögliche Wiedereröffnung zu erkennen.
Sein Stammlokal an der Ecke kam aus zweierlei Gründen nicht ins Kalkül. Zum einen war dies ein Ort, der im Sinne einer familienfernen Zone für einen gemeinsamen Besuch mit Gattin ungeeignet gewesen wäre, zum anderen öffnete Schorsch, der Wirt, ohnehin immer erst gegen 16 Uhr. So war er diesbezüglich beruhigt, sollte seine liebe Luise dieser Vorschlag in den Sinn kommen.
Aber da war doch, nur wenige Straßen weiter, dieser Bär, oder war es ein Löwe ? Es könnte auch ein Hirsch oder ein sonstiges Großwild gewesen sein. Jedenfalls klang das immer nach Gut Bürgerlich. Es handelte sich bei diesem Vertreter der konservativen Deutschen Gastronomie um eine Art Klassiker. Die graubraune grobe Putzfassade und die ausgetretenen Sandsteinstufen zum Restauranteingang am Hochparterre ließen bodenständiges Ambiente erwarten.
Hein kannte das Lokal, doch die Erinnerung an den letzten Besuch war unscharf. Damals gab es dort im neonbeleuchteten Untergeschoß ein Kegelparkett, Hein war noch Junggeselle gewesen. Er versuchte, anhand erinnerter Jahreszahlen, die Zeitspanne zu ermitteln, die zwischen jenen wüsten Zeiten und seiner bürgerlichen Gegenwart liegen könnte. Es waren Jahrzehnte, so viel stand fest.
Somit brauchte es nicht verwundern, daß die Michels, als sie sich zur Mittagsstunde auf den Weg gemacht hatten, vergebens das alte Wirtshaus suchten. Vielleicht waren die einstigen Betreiber den Herausforderungen des gastronomischen Wandels nicht gewachsen , vielleicht fand sich zu geeignetem Zeitpunkt auch einfach keine Nachfolge - auf einen, wie auch immer gearteten Gastrobetrieb deutete am erinnerten Ort jedenfalls nichts - kein Hirsch, kein Bär.
Ganz am Ende der Kastanienallee, deren verbliebener Baumbestand auch schon Zeiten üppigeren Wuchses gesehen hatte, zeichnete sich in der Sichtachse durch das dürftige Blattwerk die grell bunte Markentafel des großen Supermarktes ab. Den Gedanken an die dort zu vermutende Systemgastronomie verwarf Hein jedoch rasch, als ihm die Bürgerversammlung des vergangenen Jahres wieder in den Sinn kam. Auch er hatte vehement das traditionsgegründete Gesetz zum Schutze der Sonn- und Feiertage verteidigt und sich in tiefster Überzeugung für das umstrittene Sonntags-Backverbot sowie eine Sonntagsruhe des dortigen Speisebetriebes gestimmt.

Das Geläut vom Gemeindehaus wies nicht nur auf die Beendigung der Mittagsmesse, es erklärte auch das unangenehm intensive Hungergefühl in Heins Magen. Immerhin war es mittlerweile schon nach 13 Uhr.
Da gab es doch noch den "Schmalen Hans". Das war die kleine, etwas dunkle Kneipe klemmte förmlich inmitten der alten Häuserzeile im Jugendstil. Der denkmalgeschützte Zwischenbau war nicht viel breiter als ein Handtuch, gerade einmal so breit wie die Doppelflügeltür aus schwerem Massivholz, aber Hans war bekannt für seine leckeren Bratkartoffeln und die legendären Panierten.



Deutsches Bratwurstmuseum

PEGIDA NordThüringen

Beschleunigten Schrittes, getrieben von der Freude auf kulinarische Erfüllung und ein Frisch Gezapftes, brauchte es nur wenige Minuten, bis die Beiden am Schmalen Hans ankamen. Sichtlich verwundert studierten sie die Karte im Schaukasten rechts neben dem Eingang. Wo waren die Schnitzel ?
Das in goldener Minuskel geprägte Markenlogo der Brauerei am verglasten Messingkasten, war durch einen schnöden PVC-Folienbanner überklebt worden. Die plakativ rote Schrift irritierte Hein, Limobrause war nicht sein Ding. Ebenso aber störte ihn das Speisenangebot.
Er trat einen Schritt zurück und wandte seinen Blick nach oben. Oberhalb der Kappe des eichenen Türstocks aus der Gründerzeit las er in befremdlich anmutenden Glyphen die Worte Kebab und Döner.


In der Hoffnung auf eine bescheidene Currywurst gegen den ersten Hunger betraten Hein und Luise den Raum, und sie entschieden sich für Rindswürste vom Grill mit Senf und einer ungewohnten Brotbeilage. Mit dem zunächst geäußerten Wunsch nach Pommes rot-weiß und Curry Zigeuner konnte der Mann an der Theke nicht viel anfangen.
Die Wurst schmeckte markant trocken und die glänzend schrumpelige Pelle war geradezu ungenießbar. Auf eine süß-pappige Limonade verzichtete Hein gänzlich, während Luise derlei Getränke auch zur Mittagszeit gewöhnt war und daher die dröge Rindswurst mit Koffeinbrause anreicherte. Zur Papierserviette gab es ungefragt einen Handzettel, dessen Sinn sich den Beiden nicht so recht erschloß. Und so schenkten sie auch dem Inhalt des Gedruckten keine weitere Beachtung. Aufgefallen war ihnen nur das imperative "LIES" in serifenreichen Versalien.




Zügig begaben sich die Zwei, noch an der zähen Backware kauend, in Richtung der Freien Tankstelle, welche sich am Weg nach Hause befand. Der angeschlossene kleine Getränkeshop war von den seinerzeitigen Bürgerprotesten nicht betroffen gewesen und somit sonntags geöffnet. Das sollte nun für Hein zum Segen werden. Der Bügelverschluß ploppte verheißungsvoll und schnell waren die bescheidenen 0,33 Liter, nun ein wenig zeitverzögert, genossen.
Etwas betrübt und spürbar enttäuscht über die verarmte gastronomische Situation in ihrem angestammten Kiez schlenderten Hein und Luise entlang des schmalen Parkgrüns gegenüber der Tankstelle in Richtung ihrer Wohnstraße.


Zu Hause angekommen, reflektierten sie die Erlebnisse der vergangenen 3 Stunden. Was war das nur für ein Zettel ? Mensch, was war die Wurst so dröge ! Das Bier an der Tanke hätte etwas kühler sein dürfen... Aber nett war es irgendwie doch...
"Morgen Früh bin ich drüben und hole ein neues Kabel in 3 mal 4 Millimeter Teflon" sagte Hein zu seiner Frau. Dann begann er routiniert den Küchenherd zu zerlegen, während Luise sich zum Waschkeller begab. Hein reflektierte den ereignisreichen Tag. Zum Glück hat es nur den Herd erwischt und nicht den TV. Noch gut 2 Stunden, dann kommt Lindenstraße...
Aber was war das bloß für ein Zettel ?


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