stachelschriften
Gastpublikation
Hein Michel
Wilhelm Jacob
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Hein erbt

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Auf der Kommode im Wohnzimmer lag noch der dezent schwarz gerandete Briefumschlag aus der vergangenen Woche. Hein hatte auf dem Postwege vom Ableben eines entfernten Onkels aus Dresden erfahren.
Nicht daß er diesen Anverwandten sonderlich gut gekannt hätte, dennoch berührte ihn die Nachricht von dessen Tode.
Die Trauerkarte war ein wenig schlicht, aber immerhin entsprach sie in Stil und Inhalt dem pietätvoll schwülstigen Standard solcher Benachrichtigungen.


Leider kannte Hein weder die akronymisch anmutende Unterschrift noch den Namen des Absenders. Dieser Familienzweig war seit vielen Jahrzehnten der Vergessenheit anheim gefallenen. Persönliche Verbindungen zu den entfernten Verwandten gab es somit schon lange nicht mehr. So gesehen hatte die Information über den Weggang des hochbetagten Wilhelm für Hein keine wirkliche Bewandtnis.
Wahrscheinlich hätte Hein die Nachricht nicht weiter interessiert, wäre da nicht das fotokopierte Beiblatt gewesen, welches ein weder in Art noch Umfang näher bezeichnetes Erbe andeutete.
Um dieses entgegenzunehmen begab sich Hein auf den weiten Weg in das schöne Dresden. Etwas erben zu dürfen, konnte ja per se nichts Schlechtes sein.


Da stand er nun - leicht verloren, inmitten einer unübersichtlichen Anzahl ausnahmslos unbekannter Verwandter, die in flüchtiger Gesamtheit betrachtet, so gar nicht seinem erwarteten Bild entsprachen.
In der Trauerkarte stand doch etwas wie "plötzlich, unerwartet und viel zu früh". Eine allzu intensive Verbundenheit oder gar ergreifend emotionale Nähe zum Verblichenen ließ hier niemand erkennen. Die Versammlung hatte mehr den Charakter eines zufälligen Treffens als den einer Familienzusammenkunft.


In Folge eines Verkehrsstaus auf der A4 beim Hermsdorfer Kreuz, war es Hein nicht geglückt, bei Zeiten das Reiseziel zu erreichen. Daß er der soeben vollzogenen Beisetzung in Folge dessen nicht beiwohnen konnte, war dem Anschein nach keinem der Anwesenden aufgefallen und bedurfte daher keiner Entschuldigung.
Ihm persönlich kam dieser Umstand recht gelegen, da sein eigentliches Interesse nach der langen und nervzehrenden Anreise nun doch vorrangig dem Buffet galt.


Früh morgens war er zu Hause aufgebrochen und hatte die weite Strecke ohne eine Pause zurückgelegt. So galt seine Präferenz zunächst dem Kulinarischen.
Er musterte das dargebotene Buffet, auf der gezielten Suche nach etwas herzhaft Deftigem. Auch hätte er sich über ein kühles Radeberger gefreut. Doch das Catering bot lediglich Kaffee und einige Backwaren in überschaubarer Vielfalt.
Er entschied sich spontan für eine Dresdner Eierschecke, nicht ahnend, daß er damit in den Genuß einer der berühmtesten regionalen Spezialitäten kam. Doch der Hunger dominierte in diesem Moment jeden Sinn für höheres Kulturempfinden. Ohnehin war ihm Dresden kaum als das "Elbflorenz" geläufig - schon eher als die Heimat der "Sportvereinigung Dynamo".


Primär ging es ihm ja auch keineswegs um kulturelle Erbauung. Ziel seiner Reise war die Entgegennahme der überraschend zugesprochenen Erbschaft des Guten Wilhelm. Er selbst hatte ihn ja nicht gekannt, aber alle Anwesenden nannten ihn vertraut und dennoch irgendwie würdevoll Willi. Eine freundliche reifere Dame, wie sich herausstellen sollte eine Nichte des Verstorbenen, lüftete in direkter und gänzlich untheatralischer Weise das Geheimnis um Heins zugedachten Anteil des Vermächtnisses.
Hein folgte ihr in den Raum neben dem Salon, eindeutig ein Arbeitszimmer. Das mußte wohl die Bibliothek des altehrwürdigen Herrn gewesen sein.



Urlaub in Sachsen - Dresden

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Mit einigem Anstand unterdrückte Hein seine Verwunderung angesichts des deckenhohen Bücherregals, dessen Inhalt wohl das ihm zugedachte Erbe sein sollte. Um sich nicht durch ein blamables Erstaunen zu diskreditieren, machte er sich ohne Zögern ans Verstauen der meist fremdartigen Schriften in die bereitgestellten Normkisten. Irgendein freundlicher Helfer mußte diese schon zuvor eigens bei einem marktführenden Möbelhaus besorgt haben.
Zwei Stunden später waren all die gebundenen und teils auch nur gehefteten Werke verstaut. Der Familienkombi der Michels glich einem Umzugswagen, schien aber für derlei Transportaufgaben wie gemacht.
Noch ein freundlicher Gruß und Dank zum Abschied, noch ein Griff zur vorletzten Eierschecke, welche sich in der wohlbeheizten Stube inzwischen leicht rhombisch verformt hatte, und endlich konnte Hein wieder Kurs Heimat navigieren.

Vielleicht hätte er es bei einer einzigen Tasse Kaffee belassen sollen. Besonders gut hatte der ihm ohnehin nicht geschmeckt. Das ersehnte Radeberger hätte aber ebenso bewirkt, daß schon an der ersten Raststätte eine Pause vonnöten wurde. Die Gelegenheit nutzte Hein dann auch zugleich, den stark reduzierten Nikotinspiegel wieder ins Lot zu bringen.
Während er an der Heckklappe seines Kombis lehnte, war ihm ständig der großzügig dimensionierte Abfallcontainer an der kleinen Grünfläche im Augenwinkel.
Die Versuchung war groß, die zahlreichen Kartons bereits hier zu entsorgen. Doch er entschied sich dann doch, die ererbten Schätze bis nach Hause zu bringen, um dort die Sortierung vorzunehmen.







Weit nach Mitternacht war es geschafft. Der üppig beladene Kombi stand wieder in der heimischen Garage. Das massive Holztor senkte sich behäbig und fiel sanft ins Schloß. Hein Michel sackte erschöpft in die komfortable Polsterung des springfedergestützten Veloursofas. Schon wenig später schlummerte er bereits friedlich. Vermutlich schlichen seine Träume irgendwo zwischen dem monotonen Brummens eines Vierzylinders und der bevorstehenden Schatzsuche in den vielen Bücherkisten.
Heins Nervosität wurde am darauf folgenden Morgen sichtbar. Schon beim gemeinsamen Frühstück bemerkte Luise, seine Gattin, eine gewisse Unruhe, die sie bei Hein schon seit vielen Jahren nicht mehr kannte.
Je mehr er ihr vom vorangegangenen Tage berichtete, desto ungeduldiger schien er zu werden. Sogar den letzten Schluck des geliebten Morgenkaffes vergaß er, als Luise den Anschein erweckte, sich vom Küchentisch erheben zu wollen. Ohne Zögern stand Hein in der Tür, bereit zum Weg in die Garage. Erkennbar ungeduldig wendete er den Garagenschlüssel unablässig zwischen Daumen und Zeigefinger - für Luise die unmißverständliche Aufforderung, ihm nun endlich zum Auto zu folgen.


Noch unter der gerade eben geöffneten Hecktüre begann Hein sogleich die ersten Bücher zu präsentieren, während er sie schon beim Ausladen vorsortierte. Mit versiert erscheinendem Blick wies er den entnommenen Werken zwei Stapel zu. Die Vorgaben seiner Selektion waren schnell ersichtlich.
Neu nach links, alt und von geringem optischen Reiz nach rechts. So landeten die Sammelstücke des einstigen akademisch recht hoch belasteten Vorbesitzers in zwei, voneinander sorgsam getrennten Kategorien.
Links fanden sich die Autoren geringeren Unterhaltungswertes, also der Genres aus Politik oder Wirtschaft sowie manch sattsam bekannter Klassiker. Dieses Zeug konnte weg.
Wen sollte denn schon ein Kettenrauchender Altkanzler oder ein ehemaliger Korrespondent des Nahen Ostens interessieren ? Diesen alten Mann hatte er schon im Fernsehen kaum verstehen können. Für ebenfalls entsorgenswert hielt Hein die Machwerke weiterer Journalisten, Publizisten oder Regisseure. Namentlich sah man da einen Ralph Giordano, einen Henryk M. Broder, einen Adorno, eine Liste so schmerzhaft wie endlos.....
All das sah man unter den nachgelegten Exemplaren verschwinden.



Währenddessen füllte Luise die soeben freigewordenen Kartonagen mit dem für unwert befundenen Schriftgut, bereit zur anschließenden Entsorgung. Eile war geboten, denn dienstags kommt "Altpapier".
Ja, auch bei Michels weiß man um die besondere Bedeutung von "Wertstoffen".
Auf den rechten Stapel, legte Hein sorgsam Alles, was er zu behalten gedachte. Diese Sammlung blieb erwartungsgemäß bescheiden. Sie war, angesichts der geringen Menge, eines Kartons nicht wert.
Deutlich vor der Mittagszeit hatte sich die Ladefläche des Michelschen Kombis restlos geleert. Hein stellte eine Hand voll verbliebener Bücher zwischen den schon vorhandenen Simmel und den Brockhaus in das Bücherfach der Schrankwand. Er schien sichtlich stolz auf sein bewiesenes Augenmaß. Die Bestandserweiterung der Familienbibliothek belief sich fast exakt auf die seither fehlenden 70 Zentimeter.
Nun endlich war diese Lücke geschlossen worden.

Einen ganz besonderen Ehrenplatz erhielt das für ihn wertvollste Buch aus der einst so umfangreichen Sammlung des Dresdener Honorarprofessors.

In der hinterleuchteten Vitrine über dem Großbildschirm im Hobbyraum stand von nun an der 104-seitige Bildband aus dem Jahre 2004 mit zahllosen Fotos von 1954 und dem verheißungsvollen Titel:

- "Rahn schießt...". -


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