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Gastpublikation
Hein Michel
Wilhelm Jacob
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Der neue TV

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Mit nur wenig Selbstsicherheit stand Hein Michel im neuen Multimedia-Discounter, welcher seit wenigen Wochen seine frohe Werbebotschaft auf vielerlei Wegen verkündete.
Die Prospektbeilage im Wochenblatt der vergangenen Tage versprach geradezu unfaßbar günstige Angebote von allerlei Gerätschaften der Neuen Medialen Welt.
Nun endlich wollte auch er am technischen Segen der Gegenwart teilhaben, hatte er es doch stets vermieden, Freunde seines Fußball-Stammtisches zum Samstagsspiel bei sich zu Hause zu empfangen.


Die Gute Stube seines Einfamilienhauses im Lindenweg zierte zwar schon seit nunmehr gut zehn Jahren ein zu dessen Erstehungszeiten moderner Flachbild-TV. Aber im Hobbykeller glänzte und spiegelte nostalgisch eine fast antiquarisch anmutende Bildröhre.
Dieses Relikt mit seinen leicht gerundeten Bildkanten hinter dem konvexen Schutzglas war so gar nicht mehr auf der Höhe der Zeit, sodaß Hein lieber auf dem modernen Großbild in der Eckkneipe die Spiele seiner geliebten Fußballvereine verfolgte.
Gerade im Winter wäre es weit angenehmer gewesen, zum Fußballabend das Haus nicht verlassen zu müssen. Dennoch sah sich Hein die Spiele lieber auswärts an. Die wenig ausgeprägte Sportbegeisterung seiner Frau Luise sprach gegen Fanversammlungen im heimischen Salon.
Der Hobbyraum im Keller bot den idealen Platz, doch dieses antiquarische Fernsehgerät war peinlich.


Nun war es so weit. Das Weihnachtsgeld war gutgeschrieben. Ohne diesen Segen wäre an Michels Teilhabe am technologischen Fortschritt kaum zu denken gewesen, war er doch noch nie ein Freund des zeitgemäßen teilzahlungsgestützten Konsums.
Einigermaßen gut budgetiert hatte Michel den Elektronikmarkt und damit eine unbekannte Medienwelt betreten. Schnell sah er sich in seiner Skepsis bestätigt. Schon in den ersten Regalmetern überkam ihn das Gefühl einer gewissen Verlorenheit. So folgte auch sehr bald das Eingeständnis der eigenen Unkundigkeit im modernen Dschungel der Hochtechnologie.

Nicht daß er bei Angaben wie 4:3 oder 16:9 den Taschenrechner bemüht hätte, seine Vorkenntnisse verrieten ihm, daß es sich um Bildformate handelte.
Dennoch stieß er bei LCD, LED, HDMI, WMA, AAC und vielerlei anderer hieroglyphisch anmutender Akronyme an die Grenzen seiner Eigenständigkeit bei der Suche nach einem geeigneten Nachfolger für das betagte Röhrengerät, welches es doch galt, möglichst noch heute zu bestatten.


Unter dem selbst auferlegten Zeitdruck und angesichts der Fülle des ihm unbekannten Vokabulars wandte sich Michel dem auffallend freundlichen Personal zu, deren Aufgabe er in einer erklärenden und beratenden Tätigkeit sah.
Sogleich nahm sich ein junger Mann seines Problems an. Er brillierte durch Detailkenntnisse und ließ sich selbst durch banalste Fragen nicht beirren.
So war ihm der Charakter dieses Marktes medial vermittelt worden, und Hein sah sich in der Hoffnung auf fachkundige Auskünfte bezüglich eines neuen TV-Gerätes bestätigt.
Sichtlich interessiert nahm Hein die bemühten Erklärungen vieler seither unbekannter technischer Kürzel zur Kenntnis.


Der kompetente Herr sprach über Dinge wie Prozessoren, Speicherchips und Software-Updates, als handle es sich um einen Computer und nicht um einen schlichten Fernseher.
Schließlich erkannte er dann doch noch einige Vokabeln wieder, deren Bedeutung ihn zwar befremdeten, deren Kenntnis ihn aber auch Vertrautes vernehmen ließ.
Chips kannte er, die gab's immer zum Bier. Eine Festplatte, das konnte etwas mit lecker Schnittchen zu tun haben. Und natürlich erkennt er sofort die hohe Relevanz eines integrierten DVD-Lesers, wäre dies doch ein unschlagbares Argument, den lieben Enkel zu einer etwas erhöhten Besuchsfrequenz anzuregen.



Mail an die Redaktion

Hein hatte sich endlich für ein geeignetes Modell entschieden, und der Weg zur Kasse war schnell gefunden. Keine zwei Stunden später war er zu Hause und betrachtete hoch zufrieden die neue Errungenschaft. Tags zuvor hatte er mittels großzügig dimensionierter Dübel zwei stabile Konsolenwinkel in der Kellerwand verankert. Auf denen ruhte ein schmales massives Brett, eigens für das neue TV-Gerät.
Mit deutlich über einem Meter Diagonale hatte es dort nun endlich seinen Platz gefunden. In kaum zu überbietender Brillanz und einer Bildauflösung, die jedem Betrachter das Zählen der Grashalme eines Spielrasens ermöglichte, präsentierte sich das neue Heimkino der Familie Michel. Hein freute sich darauf, nun endlich die schon lange fällige Einladung zum Samstagsfußball an seine Freunde verkünden zu können.

Er war angekommen, in der Welt der Neuen Medien. Nun war er wieder dabei!
Was ihn noch ein wenig irritierte, waren die einen oder anderen Erklärungen des Verkäufers. Unter anderem hatte dieser auffallend deutlich betont, man könne dieses TV-Modell drahtlos mit einer Konsole verbinden.
Hein hatte den Fuß des Gerätes sorgsam mit der Konsolenplatte verschraubt. Auf die Idee, dafür Draht verwenden zu wollen, wäre er nie gekommen.
Und dann fehlten da noch die Chips und die Fest-Platte mit den Schnittchen, die hatte Hein im Karton nicht finden können.





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